Sehr geehrte Lena Hoschek – Über Radlerhosen, Frauenzeitschriften und Toxic Takeaways

Denn was genau ist jetzt “knackig” genug? Ich habe viele Jahre unter einer Essstörung gelitten, mir wurde auch empfohlen (…), dass ich einen großen Bogen und Frauenzeitschriften mache und deren Toxic Takeaways.

Vorab: Danke an die Instagramuser @hanna.schumi und @hamidala_ und @minaandherchaos, die mich auf dieses Thema aufmerksam gemacht haben, denn es ist ein Thema, dass durch Zeitschriften und Boulevardmedien den Alltag vieler Leute da draußen und damit auch das Frauenbild prägt, während ich persönlich seit vielen Jahren in einer Blase bin, in der ich mich bewusst von Minderwertigkeitsgefühlen, Vergleichen und Modepolizei spielen abschotte. Aber nur, weil es nicht Teil meiner Lebensrealität bin und ich Medien wie die klassische Modezeitschrift ablehne, heißt es nicht, dass es immer noch problematische Narrative in unserem Alltag gibt und es dort Raum für Veränderung gibt – denn Worte sind mächtig und bereits mehr Achtsamkeit in der eigenen Sprache kann viel bewegen.

Triggerwarnung Essstörung, Fettfeindlichkeit, psychische Gesundheit, Misogynie, Skin Picking Disorder, Stalking, häusliche Gewalt

Sehr geehrte Frau Hoschek,

ich habe nichts persönlich gegen Sie, im Gegenteil, ich bin ein sehr großer Fan ihrer Bekleidung und das seit vielen Jahren. Auch, wenn ich leider nichts von ihnen besitze bislang, weil ich das erst einmal sonderanfertigen lassen müsste und mir sicher bin, dass das dann wahrscheinlich im vierstelligen Preisbereich wäre, vielleicht auch höher. Und ich bin mir auch relativ sicher, dass Sie nicht diesen Text lesen werden. Ich mache mir da wenig Illusionen, ich bin keine große internationale Modebloggerin, ich bin nur eine dicke_fette deutsche Bloggerin, die bei mehreren Fashionshows von Ihnen war als Gast und auch einmal auf dem alten Blog darüber berichtet hat, wie absurd dieser Modezirkus war für mich als jemand, der gerade versucht hat, sich von einer essstörung zu erholen und ein neues Leben zu beginnen.

Und ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Sie in einem Interview mit dem ORF das gesagt haben, was Sie gesagt haben. Allerdings möchte ich Ihnen auch mit auf den Weg geben, dass einfach das Denken von “Modesünden” veraltet ist, denn es signalisiert Menschen: Du bist nicht in Ordnung, wie du bist.

Und ja ja, ich weiß, dass schon viele Dinge in unserer Gesellschaft uns das mit auf dem Weg geben, da ist di Sache mit den Modesünden keine Ausnahme, es ist vielmehr die Regel und Alltag für uns, diese efizitorientiertheit, was wir nicht sind, was wir nicht können, nicht dürfen. Melodie Michelsberger hat ein sehr schönes Buch namens “Body Politics” geschrieben, wo sie gleich zu Beginn über einen Rock in ihrer Kindheit redet, den sie wunderschön fand und über den ihre Mutter gesagt hat, dass sie ihn mit ihrer Figur nicht tragen könnte. Und was für ein nachhaltiges Erlebnis dass in ihrem Leben war, genau so etwas kann auch mit der Aussage in dem Interview mit dem ORF geschehen, wenn eine junge Frau liest, dass sie nur Radlerhosen tragen sollte, wenn sie “knackig” genug dafür sei.

Denn was genau ist jetzt “knackig” genug? Ich habe viele Jahre unter einer Essstörung gelitten, mir wurde auch empfohlen damals relativ direkt nach meiner EDNOS Diagnose vor etwa sechs oder sieben Jahren (es fühlt sich an wie ein anderes Leben, deswegen kann ich gar nicht mehr so sehr einschätzen, wie lange es her ist), dass ich einen großen Bogen und Frauenzeitschriften mache und deren Toxic Takeaways.


Bloss nicht bauchfrei - Das erste Mal bachfrei und auch nur ein kleiner Spalt habe ich mich im Sommer 2018 getraut, positiv bestärkt durch eine Reise durch UK. Egal, wie schlank ich war, mein gesamter Körper war mit Stoff bedeckt, ich schämte mich für meine Skin Picking Disorder Narben der Kindheit der Jugend, meine Dellen und Dehnungsstreifen.
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Bloss nicht bauchfrei

Das erste Mal bachfrei und auch nur ein kleiner Spalt habe ich mich im Sommer 2018 getraut, positiv bestärkt durch eine Reise durch UK. Egal, wie schlank ich war, mein gesamter Körper war mit Stoff bedeckt, ich schämte mich für meine Skin Picking Disorder Narben der Kindheit der Jugend, meine Dellen und Dehnungsstreifen.

Sind Modezeitschriften und deren Narrativ veraltet?

Frauenzeitschriften zeigen uns seit Jahrzehnten und den Zeiten unserer Omas und sicherlich noch länger, wie einer Frau ideal zu sein hatte und diese Wirkung sollte man nicht unterschätzen. Es ist zum Teil hochgradig widersprüchlich,

  • zwischen Diät und Foodporn,

  • zwischen Diversität und Body positivity feiern und dann den immer gleichen Typ Model,

  • zwischen Selbstliebe und Modetipps passend zu deiner Figur oder Kleidergröße oder dein Alter, denn du darfst ja keine Shorts tragen, wenn du über 40 bist oder Cellulite hast?

Es ist sehr schwierig, wenn man überlegt, dass Zeitschriften sich von ihrer Struktur nur sehr, sehr wenig seit meiner Kindheit verändert haben. Im Grunde genommen hatte sich manchmal auch sehr nach Content Recycling angefühlt, als hätte man dieselben Beauty-Tipps von vor 5 Jahren einfach nur Copy Paste wieder eingefügt werden und dann mit den neusten Beauty Produkten bebildert werden.

Im Bann des Vergleichens

Frau Hoschek, ich muss leider etwas weiter ausholen, denn ich sehe in ihrem Narrativ in dem Interview mit dem ORF etwas symptomatisches, was jeder von uns aus Modezeitschriften oder Fraunzeitschriften kennt. Und ich kann verstehen, warum Frauenzeitschriften als Printmedium noch immer sehr viel gekauft werden. Mit 20 war ich selbst ein totaler Fan von Zeitschriften, habe mir mit einer Kommilitonen eigentlich im Grunde genommen fast alles, was es auf dem Markt gab kauft, einfach, weil diese seichte Lektüre und Bilder angucken und „wem steht das Outfit besser?“ eine gute Ablenkung dazu war, dass ich so 1000 bis 5000 Seiten damals für mein Philosophie- und Germanistikstudium pro Woche gelesen habe.

Einfach einen Kaffee im Theo Café an meinem damaligen Zentralcampus trinken und vielleicht auch noch ein bisschen vor Ort Modepolizei spielen bei den Leuten, die vorbeikommen, um sich zwischen 2 Veranstaltungen einen Kaffee zu holen und ein bisschen über die Stars und Sternchen reden. Natürlich haben wir uns die ganze Zeit verglichen, wir hatten ja so wunderbare Bilder, die schönen Bilder aus der Werbung, die unretuschiert ein Bilder aussehen Skandalblättchen, wenn Britney Spears mal wieder 5 kg zuviel am Strand mit sich herumgetragen hat…

Ich bin heute nicht stolz darauf, aber ich habe mir Bilder von Menschen, die ich als zu dick oder auf andere Art und Weise als makelhaft empfunden habe, aus solchen Zeitschriften ausgeschnitten und dann mein Küchenschrank geklebt. Warum habe ich das gemacht? Weil eine alte Dame aus meinem Posaunenchor, neben der ich meist gesessen habe während Proben und Auftritten, mir das in meiner Jugend empfohlen hat, nachdem ich viel abgenommen hatte, um auf der schlanken Linie zu bleiben. Und weil ich mich nicht getraut habe, einfach fremde dicke Menschen wie die alte Dame in ihrer Süßigkeiten Kommode im Urlaub zu fotografieren, habe ich lieber Personen des öffentlichen Lebens genommen. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht auf damit mir damals vielleicht auch doch zeigen wollte, dass vielleicht auf meine eigene Imperfektion okay ist, wenn selbst diese großen Stars Cellulite haben, denn ich hatte einfach immer schon beschissenes Bindegewebe, genauso wie meine Mutter oder Oma, und gerade durch die Zeit, wo ich eben sehr stark abgenommen habe und dann relativ schlank war für meine Verhältnisse, da habe ich sehr viele Besenreiser und Beulen und Dellen bekommen und ich konnte sechsmal die Woche zwei Stunden und mehr trainieren, schwimmen, cremen und massieren und das ist trotzdem nicht besser geworden.


Ohne Strandkleid - Ich möchte ehrlich sein - diese Bilder sind eigentlich entstanden, weil ich zeigen wollte, was ich im Sommer trage um mir am Strand oder allgemein unterwgs keinen Wolf zu laufen.
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Ohne Strandkleid

Ich möchte ehrlich sein – diese Bilder sind eigentlich entstanden, weil ich zeigen wollte, was ich im Sommer trage um mir am Strand oder allgemein unterwgs keinen Wolf zu laufen.

Der selbst gewählte Druck

Ja, Frau Hoschek, wir alle sind mehr oder weniger mit Zeitschriften für Mädchen, Jugendliche und junge Frauen aufgewachsen, wir alle kennen diesen Einfluss und können uns vielleicht sogar noch daran erinnern, dass vor etwa 10 bis 15 Jahren bei taff Frauen von Männern bewertet wurden in Bikinis, wer den besten Popo und wer die besten Brüste hat. Allein, wenn ich das meinem Mann erzähle, der damals noch ein Grundschulkind war, steigt ihm die Schamesröte ins Gesicht. Er erinnert sich auch an den Wettbewerb, ob die partner ihre Freundin am Gesäß erkennen. Und er fragt sich bis heute, warum wir dies nicht krtisch gesehen haben, warum Objektivifizierung von Frauen und Einteilungen wie “guter Körper” vs “schlechter Körper” so dermaßen normal war oder auch bis heute normal ist in der Mehrheit unserer Gesellschaft.

Und ich weiß auch aus eigener Erfahrung, wie sehr Gehirnwäsche das Aufwachsen mit Frauenzeitschriften sein kann. Ab meinem Studium bin ich auch sehr stark zu Fitnesszeitschriften gewechselt. Diese hatte ich schon ab und an in meiner Schulzeit gekauft und hatte ausgeschnittene Workouts, die ich zu Hause macht habe (natürlich nur, wenn ich mich unbeobachtet gefühlt habe, denn wer will mich schon rot angelaufen und am schwitzen sehen? Teils bin ich bei meinem Freund früh morgens nach einer Partynacht und nur wenigen Stunden Schlaf aufgestanden, damit mit ja keiner sehen kann, wie ich strample und Workout mache, denn bei meinem damaligen Freund konnte ich nicht mehrere Tage durchhungern und wollte deshalb doppelt so viel sporteln, denn ich musste mir das Essen dürfen erst einmal verdienen, obwohl ich damals maximal so viel aß, wie für ein Kleinkind empfohlen wird an einem durchschnittlichen Tag).

Aber ich dachte mir immer, wenn ich unzufrieden mit meinem Körper war (und das war ich eigentlich im Grunde genommen mein gesamtes Leben ab meiner Jugend), dann hilft mir so eine Zeitschrift, mich zum Sport zu motivieren, damit ich eines Tages auch vielleicht so aussehe wie die Covergirls. Bei den Fitnesszeitschriften gab und gibt es sicher noch immer diese Vorher-Nachher-Geschichten und ich habe davon geträumt, damals dass ich auch mal so eine Geschichte bin, dass ich ganz viel abnehme und dann sage: Diese Sportart , dieser Trainer, diese Disziplin hat mich dazu gebracht. Irgendwann kam der Punkt, da habe ich mich fast nur noch von Gemüsesmoothies ernährt, natürlich immer mit dem neuesten Superfood Pulver. Da hatte vielleicht alle 3 oder 4 Wochen mal ein bisschen feste Nahrung am Theater bei einem Premierenbuffet und meist habe ich mir dort auch den Teller nur mit Weintrauben gefüllt. Aber nein, Frau Hoschek, ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, was meine damalige Essstörung angeht um auch in keine Inspiration für andere Leute zu bieten, aber sagen wir es so: Ohne Koffein hätte ich wahrscheinlich regelmäßig zu jeder Jahreszeit Kreislaufzusammenbrüche gehabt, denn ich war in einer Spirale aus viel Bewegung, viel Stress, viel Cortisol, der meinen Körper irgendwie gesund gehalten hat, obwohl ich die ganze Zeit leicht kränklich war, ich habe wenig geschlafen, ich habe viel Koffein zu mir genommen, aber sehr wenig gegessen und wenn, dann hatte diese Nahrung nichts mit Genuss zu tun.

Die Vorbildfunktion

Was hat meine Essstörung jetzt zu tun mit einer vermeintlich harmlosen Aussage über Modesünden im Sommer von Ihnen, Frau Hoschek? Ganz einfach, sie sind ein Vorbild für viele Menschen da draußen, Menschen lieben ihre Mode, finden Sie als Person inspirierend und Sie haben genauso wie ich und jeder, der irgendwie in der Öffentlichkeit Dinge von sich gibt, eine Vorbildfunktion.

Sollte man sagen, dass dass die Vorbildfunktion mit der Bekanntheit und Reichweite steigt? Ich bin mir da nicht sicher, aber natürlich sind ihr Label und Sie eine Brand, Frau Horschek, Menschen haben Newsalerts auf ihren Namen gestellt, mehr Menschen verfolgen Sie und hängen an ihren Lippen.

Wenn ich Dinge publiziere und seien es nur Beiträge mit einer Reichweite von wenigen 100 Menschen, dann denke ich mir trotzdem: “Was wird meine Teenagerverwandte über diesen Text denken, die gerade in ihrer Pubertät ist?” Deswegen lasse ich auch oft Texte wie diesen von 2 und manchmal sogar 5 oder 6 Personen gegenlesen.

Ich hasse Radlerhosen auch, aber …

Mein Motto für Publizieren auf sozialen Medien ist “immer schön ehrlich bleiben, denn Ehrlichkeit obsiegt”. Daher muss ich ehrlich zugeben, dass ich persönlich keinen Fan der Radlerhose fand sie schon als Kind ganz fürchterlich in den 90er Jahren, wo der Stoff einfach ein Kunststoffalbtraum war. Man hat fürchterlich darin geschwitzt, das hatte nichts mit angenehmer Sommermode zu tun. Eigentlich waren solche Radlerhosen ein Garant für Scheidenpilz. Für mich waren Radlerhosen als ein Kind von der Nordsee vielmehr ein Mittel zum Zweck und das sie sie bis heute. Denn wo eine steife Brise auch bei besten Sommerwetter weht, da kann man keine süßen kurzen Kleider tragen, mit einer Windböe schon sieht man den Schlüppi. Als jemand, der sich unter der Decke bei Klassenfahrten und im Schlafsack bei den Pfadfindern umgezogen hat, wollte ich so etwas natürlich nicht, Nacktheit war mir unglaublich peinlich. Deswegen war die Shorts oder die Radlerhose meistens mein treuer Begleiter unter dem Strandkleid oder Strandrock. Auch dieses Titelbild ist nicht entstanden, weil ich zeigen wollte, wie cool ich aussehe in meine Radlerhose. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich auf den Fotos für meine Verhältnisse so gut aussehe, denn ich war echt fertig zu denm Zeitpunkt, bin zu diesem Zeitpunkt mehr als 2 Stunden über den Strand gerannt, hatte gepost und schon viele Outfits abgedreht und abfotograftiert. Da dachte ich, dass ich fertiger aussehe und dass es mehr palle aussieht, wie ich bequem auf dem Boden sitze.

Dieses Foto ist ursprünglich entstanden, weil ich eigentlich auf Instagram eine Gegenüberstellung machen wollte davon, was ich im Sommer trage und was ich da drunter trage, um mir keinen Wolf zu laufen. Dies war quasi das Grundgerüst an Kleidung, bestehend aus meinem BH und meiner Radlerhose, über das dann zweistellig Outfits kamen, die ich zum Teil mit meiner Mutti geshootet hatte, die aber aufgrund von Bindehautentzündung und allgemeiner Erschöpftheit nach vier Outfits dann Feierabend machen durfte, während ich weitergearbeitet habe, bis die Kamerakarte voll und der Akku fast leer war.

Ich kenne den Hass, ich erlebe ihn jeden Tag

Auch, wenn das jetzt nicht mein Original Beach Look ist, sehe ich mich auf diesem Bild und ich sehe meine Figur und ja, meine Figur sieht so aus und ich weiß, dass ich heute eine Figur habe, dann würden vielleicht andere Leute wie ich damals mit 20 sich dieses Bild ausdrucken und in ihrem Süßigkeitenschrank kleben, als abschreckendes Beispiel. Ich bin cool damit. Wenn andere diese gewichtsdiskriminiereden Gedanken haben, dann spiegeln sie doch ehrlich gesagt nur das wieder, was die Mehrheit der Gesellschaft bis heute denkt: Wer dick ist, ist ein Vorher-Bild, ist unglücklich, dumm,faul, unsportlich, lebt ungesund, hat versagt. Ich bekomme jeden Tag von Menschen Nachrichten, für die meine bloße Existenz mit diesen Körper eine dermaßen krasse Provokation ist, dass sie mich dünn oder tot sehen wollen, die unverholen ihren Hass und ihre Wut an mir als eine fremde Person abreagieren, weil sie oft auch schreiben, sie hätten das Recht dazu. Ich solle mich doch nicht wundern, wenn ich mich ins Internet stelle, dass sei für diese Menschen ihr Freifahrtsschein für verbale Gewalt, Beleiigungen und Drohnungen, es sei ja nur ihre Meinung. Und nein, ich lösche mich nicht. Meine Oma war eine Kickass-Persönlichkeit, laut und stark und immer für andere Menschen da, moralisch aufbauend, auf ihre Art und Weise und meinungsstark. Sie war katholisch und trotzdem für Verhütung und gleichgeschlechtliche Liebe und das in den 90ern und wenn sie das in einem Raum sagte, da traute sich keiner, sich auf eine Diskussion mit dieser inteligenten Frau einzulassen. Ich möchte sein für andere wie meine Oma.

Ich verstehe, dass der Hass dieser Menschen nicht mein Problem ist, sondern das Problem der Menschen. Dass mein Selbstwert nicht davon beeinflusst, ob ich ihn gerade fühle oder nicht, denn er ist immer da. Und dass es eben auch mein SELBSTwert ist und nicht der “Was andere Menschen über mich denken”-Wert ist.

Und ich weiß, dass andere vielleicht noch nicht so eit sind. das global wir vielleicht noch nicht so weit sind im deutschsprachigen Raum mit Bodypositivity wie in anderen Ländern, aber eben auch nicht so krasses Fatshaming und systematische Gewichtsdiskriminierung haben wie in anderen Ländern wie Japan. Manchmal ist es wirklich erschreckend, wie nackig Menschen ihre Seele im Internet als Hater machen, wie Menschen versuchen, mich als Therapeuten, seelischen Müllarbeiter oder was auch immer nutzen wollen, weil ihre Oma, Mutter, Tante an Diabetis gestorben ist, Probleme mit der Gesundheit hat. Das ist manchmal sehr anstrengend, ich wiederhole mich oft in meinem Aussagen, mir und meiner ganzen Bubble werden Dinge in den Mund gelegt wie “wir fördern ein ungesundes Körperbild” oder “gegen das Abnehmen sein” oder “Sich schön reden, wie eklig und unfickbar man ist” (okay, mein Ehemann denkt da anders), alles Aussagen aus meinem DM-Postfach vom letzten Wochenende, die ich meist ungelesen lösche, aber zu diesem Anlass mal gelesen habe.


Die gängigen Klischees - Selbst, wenn ich in meiner Instagramstory mein gesamtes Workout am Morgen zeige, bekomme ich fast täglich mahnende bis beleidigende Nachrichten von Fremden, die mir sagen, ich solle mehr Sport machen. Und nein, ich erzähle nicht jedem einzelnen, dass ich früher schlank (und essgestört) meist kaum Kraft hatte, um Sport zu machen. Mal hatte ich sportlichere Phasen mit Orthorexie statt Anorexie, aber dann kam wieder die Anorexie und da kam ich kaum aus dem Bett.
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Die gängigen Klischees

Selbst, wenn ich in meiner Instagramstory mein gesamtes Workout am Morgen zeige, bekomme ich fast täglich mahnende bis beleidigende Nachrichten von Fremden, die mir sagen, ich solle mehr Sport machen. Und nein, ich erzähle nicht jedem einzelnen, dass ich früher schlank (und essgestört) meist kaum Kraft hatte, um Sport zu machen. Mal hatte ich sportlichere Phasen mit Orthorexie statt Anorexie, aber dann kam wieder die Anorexie und da kam ich kaum aus dem Bett.

Meine Narben erzählen Geschichten

Ich weiß ja, dass es nicht so einfach ist, immer woke und ein guter Ally zu sein für all die Menschen da draußen.

Aber igendwann kommt der Moment im Leben, wo man sich vielleicht als Frau fragt: Muss ich all diesen Druck eigentlich aushalten, für wen möchte ich schön sein, für was kämpfe ich hier? Möchte ich wirklich schlank sein, weil ich denke, dass ich dann glücklich bin, dass sich all meine Probleme dadurch lösen kann, dass ich diese Kleidergröße trage? Oder ist das nicht einfach der Wunsch von uns, geliebt zu werden, Anerkennung zu bekommen, wahrgenommen zu werden?

Fakt ist, ich trage meine Geschichte auf meiner Haut. Ich habe sehr stark abgenommen und bin dadurch in eine Anorexie gerutscht in meiner späten Jugend, dadurch habe ich viele Dehnungsstreifen. Jemand in meiner Familie hat Skin Picking Disorder, die bis heute unbehandelt ist, bis in meine Jugend herein, als ich selbst ein Referat über das Thema gehalten habe mit 13, habe ich einfach dieses Verhalten nachgeahmt und selbst Skin Picking Disorder gehabt, manchmal habe ich noch immer so etwas wie Stress kratzen, wenn es mir sehr schlecht geht an Beinen und Füßen und davon habe ich natürlich auch Narben, insbesondere in der Zeit, als ich eben um 2013 bis 2016 von mehreren Menschen gestalkt worden bin, habe ich mir auch sehr stark meine Füße aufgekratzt.

Menschen haben schon in der Realschulezeit auf die weißen kleinen Flecken angesprochen, ehemalige Mückenstichnarben, die ich immer wieder aufkratzte, als der Schorf noch nicht von alleine abfiel. Sie sind bis heute auf meiner Haut, man muss nur nah genug dran sein. Oft lasse ich Menschen gar nicht nah genug ran, als dass sie sehen könnten, dass ich diese kleinen weißen Flecke bis heute habe. An einige erinnere mich mich sogar noch sehr gut, Der eine große längliche Fleck an linken Arm, der war mit 11, ein früher Stich Anfang Mai, als ich Stress hatte wegen der Frage, ob ich nach der 6. Klasse aufs Gymansium oder auf die Realschule gehe. An andere kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, insbesondere an den Schultern,. Wahrscheinlich habe ich mich da eher unbewusst gekratzt und Mückenstiche aufgekratzt.

Diese Narben, diese Geschichte, das bin ich, ich trage meine Geschichte auf der Haut, jeder Leberfleck, jede Narbe, jeder Kratzer.

Beispielsweise der Kratzer an der Seite von meinem Gesicht, den mir mein Kumpel im Spielkreis verpasst hat, als ich einfach einen anderen Jungen geknutscht habe, obwohl er nicht verliebt war und nicht akzeptieren wollte, dass ich damals mit 5 einen süßen sensiblen Jungen zum Kuscheln in der Kissenecke der Apfelgruppe und einen wilden und lustigen Jungen zum Toben auf dem Piratenschiff haben wollte. Meine Hundebissnarben am Knie, als ich ein kleineres Kind verteidigt habe vor einem wildgewordenen Hund. Der Hund hat glücklicherweise nicht viel kaputt gemacht, es war ein perfekter Biss um meine Kniescheibe herum.

Nicht nur meine Narben, auch das, was mir Fernsehen, Zeitschriften und mein Umfeld, ebenfalls beeinflusst davon, mir gesagt haben, was alles nicht richtig sei, haben mich davon viele Jahre abgehalten, mich zu zeigen in der Öffentlichkeit, meine Haut zu zeigen. Selbst, als ich schlank war, habe ich mich nicht getraut, außerhalb der Schwimmhalle schwimmen zu gehen oder einen bikini zu tragen. Ich habe zwar mehrfach wöchentlich meine Bahnen gezogen, aber selbst im Hochsommer nur in einem nicht besonders hübschen universitären Hallenbad, am besten zu einer Zeit, wo es verhältnismäßig leer war. Erst ab dem Jahr 2018 habe ich mehr und mehr gelernt, mich zu akzeptieren und daran hat nicht nur gut getan, dass ich die Finger gelassen habe (seit ungefähr einem Jahr 2014)on den klassischen Modezeitschriften, Boulevardmedien und deren pädagogischen Einfluss, was man tragen sollte und was man lieber nicht tragen sollte, wenn man so und so alt ist, wenn man so und so aussieht, wenn man so und so sein möchte. Nein, heute morgen im Gespräch mit meiner Mutter hat mir auch meine Mutter erzählt, dass sie erst sich selbst so akzeptieren kann, wie sie ist seit zwei oder drei Jahren und dass ich persönlich und dass meine Arbeit hier auf Instagram nicht daran ganz unschuldig sein. Und das hat mich echt vom Hocker gehauen.

Wir lernen unsere Unsicherheit von unsicheren Müttern

Wir haben Mütter, die auch diese Medien konsumieren und konsumiert haben, die sich mit diesen Themen während ihrer Identsfindung damit auseinander gesetzt haben und genauso wie wir Töchter verunsichert werden und wir geben als Mütter, Schwestern, Tanten an unsere Nächsten weiter, dass wir unsicher sind mit uns selbst, immer auf Diät, dass wir andere beurteilen und verurteilen und lästern und die Modepolizei spielen.

Ich habe das große Glück gehabt, dass mir einige Menschen in meinem Umfeld vermittelt haben, dass ich so gut bin wie ich bin.

Dazu gehört meine Mutter, die mir dies immer vermittelt hat und auch meine bereits erwähnte meinungsstarke Oma, der ich wohl auch sehr ähnlich bin vom Charakter (wie meine Mama erst wieder letztes Wochenende betont hat, weil ich bin eine laute Persönlichkeit und meine Mama ist so gar keine laute Persönlichkeit). Und das trotz der Schikane meiner Grundschullehrerin, der ich nicht weiblich genug war und die mich dafür immer wieder bestraft hat auf verschiedene Arten und Weisen, trotz der Schüler und Klassenkameraden später und auch von Teil der Lehrer. Das war ein guter Gegenpol gegen das, was eben unsere Gesellschaft, unsere Medien, meine Mitmenschen mir widergespiegelt haben. Ich hatte eine Rüstung und habe doch bis zum Ende meiner Jugend und dem Beginn meiner Essstörung auch sehr gut dagegen standgehalten.

Andere Klassenkameradinnen von mir haben mir krasse Geschichten erzählt über ihre Mütter, die ich teils kaum glauben konnte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass eine Mutti gemein zu ihrer Tochter sein kann. Aber dann bekam ich sogar persönlich mit, wie sich die Mutter auf einem Osterfeuer öffentlich über ihre Tochter beschwerte, weil die Tochter jetzt eine Größe 38 trägt und damit zwei Kleidergrößen größer als die Mutter und deswegen eine Schande wäre, dass sie sich gehen lassen würde, weil sie eben breite Hüften hat und vielleicht auch einfach nicht die genetischen Hüften von ihrer Mutter, sondern von der anderen Seite der Familie geerbt hat. Und ich habe selbst erlebt, wie eine Freundin von mir sich selbst ihre Nahrungsmittel kaufen musste, weil die Mutter alle Nahrungsmittel weg geschlossen hat, wie ich Tiefkühlgemüse zum Kochen beim Referatstreffen am Wochenende mitbringen musste, weil ihre Mutter gesagt hat, dass die Tochter ja Reserven hätte und jetzt erstmal nichts essen sollte und dass sie, wenn sie sich so gehen lässt und faul und fett werden möchte, dann sich auch selbst versorgen und ein bisschen abspecken kann. IDeswegen musste sie neben der Schule jobben, für ihre Lebensmittel und Schulbücher. Ihre Eltern zahlten ihr nichts bis sie abgenommen hatte und so hungerte sie sich langsam runter auf ein für ihre Mutter akzeptables Gewicht. Mehr durch Zufall habe ich vor einer Party miterlebt, dass die Mutter die Tochter als ich gehen wollte dazu gezwungen hat, noch einmal joggen zu gehen, obwohl sie müde war, weil sie gesagt hat, dass sie zu fett ist und sie an den Haaren aus dem Haus gezogen hat. Ich habe die Polizei gerufen, die Mutter und Tochter behaupteten aber, ich hätte mir das ausgedacht und diese Klassenkameradin sprach ernste Worte mit mir am Montag darauf, ich solle das nie wieder machen, ihre Mutter hätte da das volle Recht dazu hätte, sie sei zu fett und habe es verdient.

Sehr geehrte Frau Hoschek, wir kennen uns nicht, wir werden uns wahrscheinlich auch nicht persönlich kennenlernen und ich kann auch bezweifeln, dass ich vielleicht diese Zeilen eines Tages lesen. Und vielleicht habe ich nun auch keine Gelegenheit mehr, zu einer Show von Ihnen zu gehen. Aber das ist egal, ich glaube, selbst, wenn fünf Leute diesen Text oder Fragmente davon lesen und vielleicht etwas daraus mitnehmen, dann bin ich glücklich darüber. Ich hatte das große Privileg, dass ich von einem Großteil meiner Familie akzeptiert und geliebt worden bin, wie ich war, mit allen meinen Ecken und Kanten. Dieses große Glück hatten andere Menschen nicht.

Krank durch Komplimente

Sie fragen sich sicher, Frau Hoschek, wie es dann zu meiner Essstörung kam, denn es passt ja eigentlich nicht zusammen. Und da stimme ich Ihnen zu. Obwohl ich sehr geliebt und akzeptiert worden bin von Teilen meiner Familie, hatte ich das Problem, dass 2006 bei mir alles zusammenkam: Mehrere Krankheiten und Liebeskummer, kein Appetit. In kurzer Zeit nahm ich viel an und erhielt einfach aufgrund meiner äußeren Erscheinung so viele Komplimente. Das freute mich, aber kränkte mich auch, ich hatte im Jahr zuvor meine Noten erheblich verbessert, aber dafür nie Lob erhalten. Nahm ich ab, wurde ich gefeiert, als hätte ich ein Heilmittel gegen Krebs gefunden. Und in mir manifizierte sich der Gedanke, dass Menschen nichts anderes tun können als mich lieben, wenn ich schlank und “perfekt” genug bin. Ich schrieb in mein Tagebuch mit 17, dass sei meine Form der Rache, kill them with kindness und perfection. Heute denke ich …. ach ja …. aber will nicht jeder in diesem Alter Liebe und Bestätigung? Und mein Weg dorthin war der direkte Weg in die Essstörungen, den einen besorgten Kommentar überhörte ich, wenn dafür 20 Komplimente kamen und dazu noch Tipps, wie ich Hungergefühl unterdrücken, weniger essen oder mich “erleichtern” kann, wenn ich doch mal zu viel gegessen hatte. Es ist schon ein schräger Dopperstandard, dass mir von Autoritätspersonen Tipps gegeben wurden, die eindeutig ungesund waren. Warum loben wir jemanden, der hungert, wenn der Körper mehr Masse hat und bei einem Menschen mit weniger Gewicht stellen wir die Diagnose: Anorexie? Warum spricht die Gesellschaft erst kürzlich einem Menschen wie Tess Holiday ab, dass sie auch eine Essstörung sein kann ohne dabei auszusehen wie ein Pro-Ana Thinspo Bild?

Letztlich habe ich mich vieler Jahre selbst beraubt, Jahre, in der meine Gedanken nicht im Moment, bei Freunden, der Liebe, den schönen Kleinigkeiten waren. Meine Gedanken waren bei Bewegung, Essen zu vermeiden und meine eigene Unzufriedenheit mit mir, ohne das es nie das Ziel gab, ab wann ich zufrieden war. Dahinter stand der Wunsch, dass ich endlich geliebt und wahrgenommen werde durch eine gute Figur, die ich nie erreicht hatte, egal, wie schlank ich war, wie viele Komplimente ich schon bekommen hatte. ich wurde immer unsicherer mit der Zeit. Auf der Suche nach Anerkennung für Gewichtsverlust habe ich mich selbst verloren, ich musste mich erstmal wieder kennenlernen, als dieser einschneidenden Moment in meinem Leben kam, wo mir im Krankenhaus gesagt wurde, dass ich schlank bleiben oder gesund werden sollte und das ist fünf vor 12 ist…

Heute bin ich ein anderer Mensch, heute sehe ich in die Vergangenheit zurück und kann mich nur noch schemenhaft an diese Person erinnern, die ich einst war und warum sie das tat, was sie tat. Zum Glück habe ich regelmäßig Tagebuch geschrieben und verstehe dadurch etwas mehr. Es ist ein bisschen so, als würde ich eine Serie gucken, weil ich mich so wenig mit meinem damaligen Charakter identifizieren kann, der ich damals war und mit den Entscheidungen, die ich damals getroffen habe und wie ich, auch wenn es nur in Gedanken war, über andere Menschen geurteilt habe, denn ich war kein guter Mensch zu diesem Zeitpunkt. Und dennoch bin ich glücklich, dass ich diese Erfahrung mit jedem, der das hier liest, teilen kann, vielleicht auch mit Ihnen, Frau Hoschek.

Das Problem ist das Narrativ

Es geht nicht darum, dass sie jetzt eine Kollektion für größere Größen machen oder dass wir irgendwie in eine Richtung in der Modeindustrie nach dem Motto “eine Größe für alle machen”, ganz im Gegenteil, ich finde Mode sollte von Vielfalt leben und Mode sollte an den Körper angepasst werden und nicht andersrum. Deswegen gibt es gute Möglichkeiten und gute Labels, die ja schon größere Größen wunderbar bedienen und auch in höheren Preisklassen mit einer höheren Qualität nachhaltige und qualitativ tolle Mode herstellen.

Aber als eine Person des öffentlichen Lebens sollte man überlegen, dass man im Jahre 2021 sehr viel vom Thema Vielfalt hört und dann nicht Dinge wiederholen, die vielleicht schon in den 90er Jahren in Frauenzeitschriften gestanden haben. Hätte ich mit 20 das mit den Radlerhosen nur für Knackige gelesen oder auch mit 25, da hätte ich mich zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben knackig genug gefühlt für die Radlerhose, da wäre kein Moment gewesen, wo ich gesagt hätte, dass ich hübsch genug dafür wäre und ich habe es mir hart genug erkämpft, dass ich langsam Haut gezeigt habe, nicht komplett verhüllt imDommer bei 30 Grad war und mich heute so zeige, wie ich bin. Denn meine komplexe, die waren auch noch lange nach meiner Essstörung da und ich bin sehr dankbar, dass es die sozialen Medien gibt und dass ich endlich Menschen gesehen habe, die so waren wie ich, unretuschiert und echt und nicht diese ganze Photoshop Scheiße, die man in den Zeitschriften und Musikvideos oder der Werbung sieht.

Hochschwanger durch Jumpsuit

Natürlich können Sie nichts dafür, wer zu ihrem Shows kommt und was die für ein Mindset haben, Frau Hoschek. Sie können auch nichts dafür, dass mich ein Fotograf bei einer Show von Ihnen gefragt hat, ob das Kind im Sommer oder doch schon im Frühjahr kommt, weil ich einen Jumpsuit getragen habe, in dem ich ein kleines Bäuchlein hatte 2017. Dass die ganze Atmosphäre in der Lobby war, welcher beänstigend sich über alles und jeden das Maul zerreißte, auch über Sie und das, was Sie wohl präsentieren werden. Eine Atmosphäre, die mir Angst machte und in der ich mich nicht zuhause fühlte.

Aber Sie, Frau Hoschek, können etwas daran ändern, was sie in Interviews sagen, sie müssen nicht ihre Meinung verschweigen. Statt über Modesünden zu reden können Sie sagen, was sie selbst als unästhetisch empfinden. Denn es gibt einen großen Unterschied dazwischen, wenn der Leser nicht liest, man dürfe keine Trekkingsandalen tragen oder nur Radhosen, wenn man knackig genug dafür sei.

Sondern:

„Ich persönlich empfinde Trekkingsandalen als unästhetisch und kann ich auch nicht mit der Optik von Radlerhosen anfreunden.“

Denn diese Aussage würde ich genauso unterschreiben, das wäre auch meine Meinung, ist aber mein individuelle Modeentscheidung für meine Gaderobe. Und in die Mode anderer Menschen mische ich mich nicht ein, nicht mal in die meiner mutter oder meines Mannes, außer, sie bitten mich wirklich um rat und selbst dann gebe ich nur Empfehlungen, an die sie sich nicht halten müssen.

Mein persönliche Aversion gegen nackte Füße oder Radlerhosenalbträume aus den 90ern heißt nicht, dass irgendjemand anders das nicht tragen darf, nur weil es nicht meine persönlichen modischen Vorlieben sind. Wir sollten weg von der Vorstellung, dass unser Körper einer bestimmten Vorstellungen entsprechen muss und nein, body-positivity und Selbstliebe haben nichts damit zu tun, dass man ungesunde Lebensstandards feiert, dass man aufgibt, dass man nicht abnehmen darf, im Gegenteil, jeder darf für sich selbst entscheiden, wie er_sie sich als schön empfindet und selbst gestatten, sich unabhängig von Körper oder Krankheiten zu akzeptieren und für sich ohne fremden Einfluss entscheiden, ob man etwas ändern möchte oder nicht.

Kleidung sollte kein Alter, kein Geschlecht, keine bestimmte Figur oder ähnliches haben, jeder sollte sich mit Kleidung entfalten können, denn Kleidung ist ein wichtiges Mittel in unserer Gesellschaft, es ist identitätsstiftend. Durch Mode kann ich mich ausdrücken, durch Mode kann ich selbstbewusster sein, Mode ist den ganzen Tag auf unserer Haut und wie die Kleidung sitzt und das welchem Material sie besteht, dass es dafür maßgebend, wie wir uns den ganzen Tag fühlen, ob wir gut atmen können oder eingeschnürt sind in der Kleidung, ob wir sie zurechtrücken müssen oder sie einfach von alleine gut sitzt und flexibel ist beim Hinsetzen und Stehen. Mode ist so unglaublich wichtig und wertvoll und spielt eine große Rolle in unserer Gesellschaft, nicht erst seit gestern, auch schon vor einigen Jahrhunderten, als man sich in sein Outfit jeden morgen quasi eingenäht hat mit Bändern oder auch später, als Marie Antoinette durch ihre leichten Kleider in ihrer Cottage Core Traumwelt eine richtige Krise ausgelöst hat, da sie die Seidenstoffe der einheimischen Händler verschmäht hat.

Fehler können passieren, Fehler sind menschlich und jeder von uns im Internet hatte bestimmt schon den ein oder anderen kritischen Kommentar oder vielleicht sogar einen ganzen Shitstorm, Fehler können passieren und vielleicht hilft dieser unglaublich lange Text den ein oder anderen Menschen, vielleicht auch Ihnen, Frau Hoschek, dass Sie in Zukunft in ihrer Wortwahl bei Interviews vorsichtiger sind, auch inklusiv denken und darüber nachdenken, dass beispielsweise in Deutschland 60 % der Menschen Größe 42 und größer tragen, dass auch diese Menschen Lust auf Mode haben und dass vielleicht diese Menschen sich angesprochen und verletzt gefühlt haben von einer Aussage wie dieser, die Sie im Interview mit dem ORF getätigt haben.

Bitte wählen Sie ihre Worte weise und überlegen sie, welches Narrativ Sie wählen möchten.

Hochachtungsvoll,

Bettina Barth




Eine Antwort zu „Sehr geehrte Lena Hoschek – Über Radlerhosen, Frauenzeitschriften und Toxic Takeaways“

  1. Wow, einfach nur wow. Du solltest Bücher schreiben, ich würde es lesen

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