Die anderen sind Schuld? Das ist natürlich immer eine einfache Antwort. Aber eben auch nicht immer so einfach. Natürlich, unser Umfeld beeinflusst uns. Mal positiv, mal negativ. Aber was macht das mit uns? Ich bin keine Therapeutin, ich erzähle hier meine Geschichte und meine Perspektive.
Sex und Alkohol
Dass ich mit 13Jahren die Zweitjüngste in meiner Klasse war, war insofern ein Thema, dass eben zwischen einigen Mädels meiner Realschulklasse damals und mir eine schon relativ große Alterskluft herrschte. Sex war ein Riesenthema und ich war einfach noch nicht bereit dafür. Es gab eben in meiner Gegend auch viele, die so alt wie ich waren und dann schon in der 6. oder 7. Klasse einen Freund hatten, dermal 18 und mal auchschon über 30 Jahre alt war. Ich war in der Schule eher so die Ruhige und daher wurden mir dann auch mal gerne solche Geheimnisse anvertraut.
Eine damalige Freundin von mir hatte sogar einen peinlichen Vorfall mit 13 Jahren, weil ihre Mutter erst bei mir und dann bei einer anderen Freundin anrief. Angeblich hätte sie in unserem Dorf wegen dem Schützenfest übernachtet. Aber in Wirklichkeit war sie bei ihrem Freund, der einige Jahre älter war als sie. Die Geschichte endete damit, dass wohl die andere Freundin von ihr sie verpetzt hat, die Mutter vor der Haustür stand mit ihrem Kinderausweis und ihre Tochter mitnahm. Nicht gerade die schönste Art der Trennung, aber sie erzählte in der Schule zumindest noch ganz stolz, dass sie vorher an seine Nudel durfte.
Da mach ich nicht mit.
Männern einen zu keulen, ich weiß ja nicht. Da war ich damals ziemlich anti und natürlich trank ich mal ein Bier oder ein Rigo. Aber ich durft eben in Gegenwart meiner besten Freundin auch feiern gehen und die war 3 Jahre älter als ich und feierte nicht zusammen mit den Mneschen aus meiner Klasse. Auf so eskalierende Abrissparties mit Kotze im Garten und Platzwunden von besoffenen Jungs, die beim Pinkeln im Stehen das Gleichgewicht verlieren und auf die Badewanne knallen, hatte ich eben kein Bock.
Und damit machte ich mich natürlich zur Ausseiterin und irgendwelche Leute aus meiner Klasse meinten ab und an dies oder das. Aber es hat oft weniger mit meiner Figur zu tun, eher damit, dass ich kein Interesse an Jungs hätte und beispielsweise meine arschteuren Copicmarker zur Selbstbefriedigung nutzen würde. Nicht, dass ich sie damals genutzt hätte, aber es gibt Sextoys. Bei solch dilitantischen Mobbingversuchen konnte ich ja nicht mehr als mit den Augen rollen. Jeder, der sich schon mal Copicmarker gekauft hat, weiß, dass die viel zu teuer sind für Selbstbefriedigung. Da hätte ich dann schon eher diskret bei einem Erotikhandel bestellen können, denn damals gab es bei einigen Shops noch diese wunderbare Option, dass als Druckerpapier oder Modeschmucksendung zu tarnen, weil vor der Zeit von Amorelie Sextoys ja noch so ein Schmuddelimage hatten.
Die Nebenwelt
Vielleicht hatte ich auch einfach Glück, dass ich mich den Vorwürfen und Sticheleien anderer Mitschüler entziehen konnte. Denn ich hatte meine außerschulischen Aktivitäten 4x bis 5x die Woche und fast jedes Wochenende hatte ich Auftritte oder war unterwegs. Und bis meine beste Freundin nach Hamburg zog, sahen wir uns auch fast jeden Tag. Und somit hatte ich ein ganz gutes Sozialleben, dass eben auch ganz ohne den Mitmachzwang in der Schule lebte. Ich musste meinen Mitschülern nichts beweisen, ihre Meinung musste mir nicht wichtig sein und die Schule war mir auch ziemlich egal. Als meine Noten in der 9. Klasse dann im Keller waren, gab ich mir etwas Mühe und der Notenschnitt stieg binnen eines Jahres um 0,9 – wegen einer verdammten Note musste ich zur Höheren Handelsschule, aber ich möchte nichts Böses über die Lehrerin sagen, denn sie weilt nicht mehr unter uns. Und dieses Jahr hätte ich mir eigentlich sparen können, ich hatte dort einen soliden 1er-Schnitt und verrückterweise waren jetzt sogar Menschen aus meiner ehemaligen Klasse für ein Jahr Bezugspersonen.
Was mich abgefuckt hat
Eine Sache, die mich abgefuckt hat, war eher in der Familie und auch allgemein im Sprachgebrauch der älteren Generation meiner Heimat verankert. Es ging nie um meine Figur, das waren eher Menschen meiner Generation, die damals eben Curvy nicht gut fanden. Aber ich war anti genug, dass mir das egal war. Was hingegen total lange in meinem Kopf blieb, war die Verwendung des Vokabulars zum Thema Psychotherapie. Darüber wurde wenn, dann abfällig geredet. Menschen, die beispielsweise ihren Vater erhängt in der Scheune anden, waren dann einfach weg und es wurde nicht darüber geredet, dass sie sich stationär in einer Klinik befinden. Allgemein ist es gruselig, wenn mein Vater erzählt, wo sich überall in der Straße jemand erhängt oder nach einer Krebsdiagnose in einem Springbrunnen ertränkt hat. Das waren so meine Schauermärchen der Kindheit.
Aber was wirklich kleben geblieben ist und mich wirklich belastete, war eben der Gebrauch von Phrasen wie “Dich sollte man einsperren.”, “Du gehörst in die Klapse.”, “Eine wie du sollte nur in Zwangsjacke aus dem Haus.” Ich denke, das ist nicht nur ein Problem meiner Region, im Gegenteil denke ich, dass selbst in dem Kopf meines ersten Freundes diese Gedankenwelt noch sehr präsent war. Wenn ich Unmut äußerte und ausrastete, ihn anschrie und meiner Wut Luft machte, dann gehörte ich für ihn in die Klapse. Damit zog er sich im Grunde genommen nur aus der Verantwortung, als wolle er sagen: “Ich bin nicht schuld an deinem Ärger, du bist einfach verrückt.” Aber diese Stigmatisierung hat mir jahrelang und auch vielen anderen Menschen in meinem Umfeld weißgemacht, dass man sich eben nicht Hilfe suchen darf und das es ein Eingeständnis von Schwäche ist, wenn man zu einem Sellsorger oder Therapeuten geht. Wer stark ist, schafft das auch ohne Hilfe.
Mein lieber Onkel hat dann vor einigen Jahren etwas Wunderbares zu mir gesagt, das meinen Blickwinkel veränderte:
Du bist erst erwachsen, wenn du 2 Dinge beherrschst. Als erstes musst du für dich selbst sorgen können. Und als zweites erkennen, wann du Hilfe von anderen brauchst und diese Hilfe annehmen.
Meine Schuld
Tatsächlich kann ich daher den wenigsten Menschen in meinem Umfeld was ankreiden. Natürlich gab den ein oder anderen doofen Spruch von Menschen, aber was kümmert es mich, wenn mir diese Menschen piepegal sind? Aber dann …in meiner ersten Beziehung… habe ich mich sehr unter Druck gesetzt und bin unter diesem Druck auch wirklich lange Zeit die Person war, die gegen mich gearbeitet hat und nicht gut zu mir war. Dafür konnten nicht wirklich meine Familie oder mein selbst damaliger Freund was dafür. Mein damaliger Freund konnte absolut was dafür, dass er mich immer als verrückt betitelte, wenn wir stritten, weil ich damals jung war, einen schlechten Selbstwert hatte, mir vieles gefallen ließ, wo ich heute konsequent sofort auf den Tisch hauen würde. Dadurch gab es ab und an den Punkt, der das Fass zum Überlaufen brachte, da rastete ich aus und mein damaliger Freund nannte mich verrückt. Ich weiß nicht, ob er sich dieser Defensivmechanismen überhaupt bewusst war.
Was die Anderen falsch gemacht haben
Es war ehrlich gesagt eher so eine positive Spirale und das was man anderen Menschen in meinem Umfeld ankreiden könnte, ist, dass sie meine Gewichtsabnahme damals von 44/46 auf 38/40 gefeiert haben, als hätte ich den Nobelpreis gewonnen. Es war schon krass. Ich hatte meinen Notenschnitt krass verbessert, ich hatte total den Wandel hingelegt, war viel erwachsener, reifer, fleißiger, aber Lob bekam ich nur dafür, Gewicht zu verlieren?
Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Was für eine oberflächliche Kackscheiße! Ich will jetzt nicht grundsätzlich Menschen verbieten, andere Menschen für Gewichtsabnahme zu beglückwünschen, aber vielleicht sicherheitshalber mal fragen, ob alles in Ordnung ist? Denn für mich war das der Eintritt in die nicht so uwunderbare Welt der Essstörung. Die Jahre von 17 bis 19 Jahren verbrachte ich ehrlich gesagt eher wie benommen, ich rechnete Kalorien aus, versuchte Alkohol und Süßigkeiten damit auszugleichen, tagelang gar nichts zu essen. Zu Beginn meines tuiums einen radikalen Cut zu machen, alleine zu leben und 6 Stunden mit dem Zug nach Hause zu brauchen war da ein guter Ausweg. Aber selbst in meiner Zeit in Göttingen war ich eigentlich noch nicht über den Berg, das war ich eher so mit 25 Jahren.
Warum war es meine Schuld?
Manche von euch mögen jetzt sagen: “Ja, aber dann hatten die anderen doch einen Einfluss auf dich, oder nicht?” Natürlich, aber es ist doch auch immer eine Frage, wie sehr man positives oder negatives Feedback an sich heranlässt. Eine positive Bestärkung einer nicht so guten Lebensweise wie meinem gestörten Essverhalten kann genauso fatal sein wie Mobbing.
Ich hätte mich von meinem Freund trennen können und ich hätte mich von toxischen Beziehungrn und Leuten, die mich ausnutzen, distanzieren können. Hab ich aber nicht, weil ich nicht nein sagen konnte. Weil ich alle glücklich machen wollte, weil ich wollte, das alle mich lieben. Und ds gehört eben auch zu einem Leben dazu. Scheißerfahrungen machen und später feststellen, warum das so scheiße war. Denn diese Erfahrungen machen mich zu dem heutigen Menschen, der ich bin, mit allen Ecken und Kanten und all diesen Erfahrungen und dem Umfeld, aus dem ich stamme. Das alles ist ein Teil davon, wer ich heute bin und dessen muss ich mich nicht schämen.


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