Stationäre Therapie – Mythos und Realität: Interview mit Jessica

Es begann vor einigen Wochen und tatsächlich war es eine Folge GNTM, die mich auf diesem Thema stieß. Eine inzwischen ausgeschiedene Teilnehmerin der Sendung regte sich auf darüber, dass jemand wütend war und da vielen dann auch unangenehme Sätze wie “Sind wir hier im Irrenhaus?”

Ich habe dieser Teilnehmerin konstruktiv geschrieben, dass ich es schwierig finde, wenn sie solche Aussagen macht, auch, wenn ich mir bewusst bin, dass viele Menschen eben immer noch so denken. Durch solche Ausagen wie diese oder “Dich sollte man wegsperren.” oder “Du gehörst in die Gummizelle” von verschiedenen männlichen Gesprächspartnern wie meinem ersten Freund oder Vater in Gesprächssituationen habe ich viel zu lange Zeit mir keine Hilfe von außen geholt. Und zudem waren diese Beziehungen auch allesamt gestört, denn meine Probleme wurden dadurch abgetan, dass ich hysterisch sei, dadurch haben mir diese Männer im Leben verstehen gegeben, dass ich das Problem sei und nicht meine Wut, die ich natürlich nicht grundlos hatte.


Deswegen bin ich sehr glücklich, dass ich hier in den nächsten Wochen auf dem Blog und auch in Instagram Live Gesprächen aufräumen möchte. Den Anfang macht Jessy. Und damit du weißt, wer sie ist:

Jessy hat einen Sohn, ist alleinerziehend und macht Aufklärungs- und Präventionsarbeit in Sachen Gewalt in der Partnerschaft. Sie hat ihr Wissen durch ihre eigenen Erfahrungen. Dabei ist ihr besonders wichtig, dass ihr Angebot kostenlos ist. Die vorgestellten Lösungswege sind sowohl selbst angewendete sowie auch andere.

Als ihre Aufgabe versteht sie es Frauen neue Impulse zu setzen

  • wie sie ihren eigenen Weg gehen können

  • wie und wo sie sich Hilfe holen können und sich Stück für Stück von diesen Menschen abkapseln können

  • wie sie sich vor seinen Attacken schützen können

  • wie sie sich in Zukunft vor Männern mit ähnlichen Gewaltpotenzial schützen können.

Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit stationärer Therapie, die sie aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung wg. Psychischer und physischer Gewalt vom Ex gemacht hat.

Interview

Hast du deinem Umfeld und wie hast du deinem Umfeld mitgeteilt, dass du jetzt eine Therapie machst oder dass du jetzt in ambulante oder stationäre Therapie bist?

Meine Mutter / Familie war eh informiert.. Meine Familie hat mich unterstützt.
Ich war berufstätig. Meine eine Freundin war auch meine Arbeitskollegin.. Das ging gar nicht anders. Also meinen engsten Freunden habe ich es gesagt, das wars dann auch. Die müssen ja wissen, wo ich abgeblieben bin.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert, dass du Therapie machst? Kamen dumme Sprüche?

Nein, von meinen Freundinnen nicht. Die haben ja das auch alles mitbekommen gehabt und konnten nachvollziehen, dass ich irgendwann nicht mehr konnte..
Jedoch als, als mein Ex es herausgefunden (da war ich schon eine Woche da ) hat. Er wollte mit mir reden. Unser Sohn war bei ihm bzw. seiner Familie. Ich habe es zugelassen. Das Gespräch verlief wie immer. Wir drehten uns im Kreis. Wie gesagt, es ging um die Strafanzeige gegen ihn. Das war eigentlich sein Hauptthema. Ich müsse es wieder gut machen. Nur, weil ich die Anzeigen zurückgenommen habe, ist das Verfahren ja nicht eingestellt…

Ich musste dann zur Station wieder, weil es schon spät war. Ich bekam Anrufe von der Station und musste dann irgendwann rangehen. Hat mir unterstellt, ich hätte einen Neuen. Ich habe mich natürlich wieder in der Pflicht gesehen mich zu rechtfertigen. Da hat er es herausgefunden. Ich bin in Tränen ausgebrochen und habe ihm meine Gefühle, meine Situatuon erklärt und gesagt, dass ich nicht mehr kann, dass ich nichts mehr fühle und dass ich nicht mehr will. Ich war am Ende. Und dass ich jetzt da bin. Er hat mich ausgelacht. Ab da hatte er eine neue Schwachstelle an mir gefunden. Er hat mich weiter fertig gemacht, gesagt ich bin psychisch krank und hat mich damit aufgezogen, dass ich da war. Ich würde da ja die ganze Zeit auf Drogen und Tabletten sein. Und hat gesagt, ich würde mein Kind abschieben. Meine Mutter wäre nun anscheinend die neue Mutter von meinem Sohn. (Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter immer für mich da ist und war)

Wie bist du dazu gekommen, Therapie zu machen, woran hast du gemerkt, dass du eine Therapie brauchst?

Ich war innerlich tot, ich konnte nichts mehr fühlen. Ich hatte so eine Leere in mir.
Zudem war ich überfordert mit meinen Emotionen. Ich hatte das Gefühl egal was mache, ich mach alles falsch und ich wusste nicht mehr in welche „Richtung“ ich gehen sollte. Ich habe damals gegen meinen Ex die Anzeigen (körperliche Gewalt) zurückgenommen. Habe gehofft, dass dann alles besser wird. Es wurde aber nicht besser, sondern schlimmer. Ich habe mich nicht getraut mich jemanden anzuvertrauen. Zu erzählen, dass ich zur Polizei gefahren bin und diesen Schritt gegangen bin. Ich habe es nichtmal mehr meinem Anwalt gesagt. Da war so ein innerlicher Druck. Ich hatte dann einen Autounfall paar Tage später. Ich wurde mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht. Als ich in der Notaufnahme war, hab ich meiner Mutter das gebeichtet und habe nur gesagt, dass ich jetzt was machen muss. Ich muss raus, ich brauche Hilfe, ich kann nicht mehr. Mich haben die körperlichen Verletzungen da nicht mehr interessiert. Meine Seele hat so geschrien, ich kann das gar nicht in Worten ausdrücken. Ich habe die Ärzte im Krankenhaus gebeten, dass die mich in eine stationäre Therapie überweisen.

Ich habe mich im Spiegel angeschaut fand mich hässlich, wertlos, wie ein nichts. Ich fand alles an meinem Körper hässlich.. Ich war wie ein Häufchen Elend, habe mich nicht gut gefühlt rauszugehen, weil ich das Gefühl hatte, dass die Menschen mich angucken und über mich lästern, dass ich ach so hässlich bin. Und meinen Charakter mag ja sowieso keiner. Ich dachte, ich bin ein schlechter Mensch, eine Versagerin, eine schlechte Mutter… Ich alles falsch mache.. Und ich jetzt auch noch der Grund bin, dass mein Sohn keinen Vater hat. Dass einfach alles meine Schuld ist. Weil mir das die ganze Zeit eingeredet wurde…

Sobald mein Ex mich angerufen hat oder ich Termine mit ihm hatte, fing ich an zu zittern und war so dermaßen unruhig, dass ich keine klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich musste während ich dort war eigentlich eine Aussage bei der Polizei machen. Ich wusste nicht, ob ich Aussagen sollte oder nicht. Ich hatte Angst vor den Konsequenzen. Zudem musste ich mit meinem Ex zur Trennungs- und Scheidungsberatung vom Jugendamt aus. Diese Gespräche haben mich zusätzlich noch sehr belastet.
Egal wie sehr ich eingelenkt hatte mit meinem Ex. Mein Ex hat immer was gefunden was schlecht war. Er hätte ihn 3 Mal die Woche sehen können. Als ich in Behandlung war, habe ich den Begleiteten Umgang vorgeschlagen. Das wurde dann auch so eingeführt (Treffpunkt war eine Freundin) jedoch hat er mir selbst da bei meiner Freundin aufgelauert und ist mir hinterhergelaufen. (war eine halbe Stunde früher da) Und hat im Nachhinein die Geschichten verdreht.
Irgendwann hat man ein Gefühl  voller Ohnmacht.. (Das ist nur ein winziger Bruchteil von dem was war und was da reingespielt hat).

Wie sah deine Therapie aus? Hast du einen Stundenplan gehabt oder konntest du dich frei bewegen auf dem Gelände oder auch außerhalb vom Gelände?

Mir wurde eine Ärztin und ein Psychologe zugewiesen. Der Psychologe gab mir einen Stundenplan mit Angeboten, die dort in der Klinik stattfinden. Er hat mir die Sachen angemakert, wo ich dran Teilnehmen „sollte“. Ich habe mir dann noch andere Gruppen ausgesucht, die ich interessant fand.
Man konnte sich frei bewegen, man konnte auch raus.
Ich war freiwillig dort, die konnten es mir nicht verweigern die Klinik zu verlassen. Ich hatte draußen ja auch noch Termine (z.B. Trennungs- und Scheidungsberatung)  Diese Termine konnte ich nicht verschieben…
(Nicht alle waren freiwillig dort, manche waren auch mit Beschluss da)

Hast du in der Zeit Freundschaften geschlossen? Wie ist es so mit andere Menschen auf einem Zimmer oder andere Menschen in der Therapie? Oder warst du komplett isoliert und hattest nicht viel mit den anderen zu tun auf deiner Station oder in deiner Klinik?

Also, ich hatte mein Abi aufm Internat und kannte das schon. Natürlich ist es in einer Klinik anders. Man muss Glück haben. Ich war mit einer Mutter auf einem Zimmer, die Zwänge hatte. Hat auch starke Medikamente bekommen. Sie musste alles Ordnen, neu Anordnen im Zimmer und hat auch meine Klamotten umsortiert mehrmals am Tag. Natürlich kann sie da nichts für, dennoch hat das einen genervt. Das hat sie auch gerne mal mitten in der Nacht gemacht. Die Dame war zwischendurch in einer Art Wahn. Ich bin dann auf ein anderes Zimmer gekommen. Irgendwann hält man das nicht mehr aus.
Ich war dann mit einer Dame aus Syrien auf dem Zimmer. Sie hatte eine Angststörung, weil sie viel Gewalt erleben musste (auch mit ihrem ExMann ). Sie war wirklich nett und toll…

Welche Arten von Therapie hast du gemacht? Hattest du Therapie nur in der Einzelbesprechung oder hattest du noch mit anderen Menschen zu tun?

Dieser Stundenplan, den ich eben erwähnt habe sind die Gruppentherapien. Diese Gruppentherapien sind beispielweise Ergotherapie, Bewegung, Musik , Meditation, Traumagruppe, Frauengruppe, Männergruppe, Gesundheit- und Wohlbefinden. Es gibt dort auch die Guttempler, wo über Süchte gesprochen wird, eine Psychosegruppe.. und und und..
Psychologische Einzelgespräche hatte ich einmal die Woche. 

Wie sieht so eine Station von innen aus? Ist das für ein Krankenhaus, wie eine Jugendherberge oder sieht es aus wie in den Filmen wie Shutter Island oder American Horror Story?

Es sieht von Innen aus wie ein Krankenhaus, aber es fühlt sich an als wenn man auf Klassenfahrt ist… Wir hatten da viel Spaß.

Was macht man in der Therapie mit der Freizeit? Hat man viel Freizeit?

Ich hab an Therapien teilgenommen oder saß im Innenhof und wir haben uns mit den Leuten unterhalten. Oder ich war spazieren, bin zu einer Freundin. Ich muss dazu sagen, dass die Klinik 10 Minuten Fußweg von meinem Zuhause war.

Durftest du Kontakt haben mit anderen und duftest du nach draußen? Duftest du Besuch bekommen?

Ja, man durfte raus und mit anderen Kontakt haben. Es ist kein Knast da. Natürlich durften manche nicht raus, weil auch manche mit Selbstmord gespielt haben oder starke Medikamente bekommen haben. Die wurden dann begleitet… Menschen mit Alkoholproblemen durften die erste Zeit nicht raus. Aber das wurde dann bei denen gelockert.

Hat man dich da drüber aufgeklärt, was du für Medikamente bekommst. Hast du Medikamente bekommen und wie war deine Einstellung dazu?

Ja, man hat mich aufgeklärt. Ich dachte eigentlich Dass ich da mit Tabletten zugepumpt werde und, wenn ich rauskomme es mir perfekt geht.
Ich habe Beruhigungstabletten bekommen. Die auch nicht abhängig machen. Antidepressiva habe ich beispielsweise nicht bekommen. Ich wollte ehrlich gesagt welches haben, hab ich aber keins bekommen. Und nehme immer noch keins.
Diese (Beruhigungstabletten) habe ich bei Bedarf genommen. Seitdem mein Ex abgehauen ist, brauch ich keins mehr. Und mir geht’s wirklich, wirklich, wirklich gut. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Frieden wieder mit mir finde

Hast du dich außerhalb von deiner Therapie auch mit anderen Menschen über dieses Thema ausgetauscht, hast du private drüber gesprochen und haben andere Menschen auch über ihre persönlichen Therapie Erfahrungen mit dir gesprochen?

Ja natürlich, auch im Nachhinein pflege ich Kontakt zu einer Person, die ich dort kennen gelernt habe. Sie ist auch Alleinerziehend und waren ungefähr wegen dem selben Problem dort., Sie hat Ähnliches erlebt mit ihrem Ex. Natürlich ist ihre Geschichte anders, aber von der Ausgangssituation her gleich.

Irgendwie ist das ein großes Tabuthema und es wird viel pauschalisiert. Stationäre Therapie und Psychiatrie wird mit Geisteskrankheit gleichgesetzt. Manche Menschen nutzen diese Infos auch gerne um einen zu denunzieren. Das habe ich auch von Mitpatienten mitbekommen.. Aber das ist es nicht… Ich schäme mich da auch nicht mehr für. Jedoch kann ich raten, wirklich nur Menschen das anzuvertrauen in der Akutphase, die es auch wirklich vom Herzen gut mit einem meinen. Ansonsten wird es gegen einen verwendet.

Was würdest du einer Person empfehlen, die stationäre Therapie machen möchte? Hast du persönlich vorher recherchiert oder einfach einen Platz irgendwo bekommen? Was würdest du jetzt anders machen, wenn du stationäre Therapie machen würdest.

Ich würde nichts anders machen. Ich konnte in diesem Moment nichts anders machen.
Wenn man eine eine Reha machen solltest, die ich jedem danach ans Herz lege, ist gute und lange Recherche wichtig. Es gibt da echt tolle Einrichtungen. Hätte auch gerne eine gemacht..

Abschließend kurze Info.. Nach der Stationären, wurde ich dort tagesklinisch aufgenommen. Man schläft Zuhause, aber ist dann den ganzen Tag dort. 





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