Was darf Meinung im Internet?

Prolog

Morgens. 6.24 Uhr. Ich muss auf Klo und bin vor meinem Wecker wach. Mal wieder. Hm. Egal, Nägel lackieren, morgen steht ein Fotoshooting an, also Trockenshampoo ins Haar und Nagellack auf die Nägel. Bevor ich meinen Mann wecke, vergeht noch mindestens eine Stunde und wir haben erst um 9 Uhr einen kleinen Termin, bevor es für mich wieder in die Tristesse der Arbeit am Laptop geht.

Seltsam also, dass ich mich dieser Folter jetzt schon aussetze. Freiwillig. Was hat mich denn bitte geritten?

Schuld ist der erste Vorschlag von Youtube. Eigentlich gucke ich morgens Tagesschau beim Fertigmachen. Oder Heute Journal. Auf jeden Fall landete ein Spiegel Literatur Interview mit Jan Böhmermann in meinen Vorschlägen. Wahrscheinlich, weil der werte her Jona ab und an mal über meine Geräte alte Lateline Folgen hörte, insbesondere in er Zeit, wo er sein Smartphone (mein altes von 2015) geschrottet hatte und zu faul war, sich sein neues (mein altes von 2017) einzurichten.

Also, Literatur und Böhmrmann, was kann schief gehen? Nun ja, allerdings ist das mit Literatur in der Metaebene immer so eine Sache für mich. Alter, wi weit habe ich mich von den Boys und Görls damals weggesetzt, die in der O-Phase meinten:

Ja, also, ich hab ja alles von Thomas Mann gelesen!

“Mein Beileid”, war alles, was mir dazu einfiel. Wo man sich versucht, interlektuell abzugrenzen und sich über andere zu stellen, da ist es eben kollektiver Narzissmus. Der kollektive Narzissmus kennt da keine Ausnahme für schlaue oder zumindest belesene Menschen, nope, es ist egal, ob Veganismus, Fußballverein, Religion, Apple-Jünger oder Filmmenschen, die nicht auf Theaterbühnen wollen, weil die so übertreiben oder Theatermenschen, die Filmmenschen einfach für zu untalentierte Schauspieler für die Bühne halten, denn man kann ja alles wiederholen und dann aber bei jeder Filmproduktion in der Stadt doch zumindest Statist sein wollen, auch wenn sie eigentlich diese Kunstform ablehnen, denn Film lebt ja nicht für den Moment wie das Theater … Mein Vati war ein einfacher Mann, er und mein Opa haben sich hochgearbeitet. Und ich war an Schulen, wo ich von Menschen aller Art kennengelernt habe. Und es kommt eben nicht darauf an, wo du herkommst. Sich abgrenzen und sich über Andere erheben wollen ist nichts, was nur eine gesellschaftliche Schicht für sich einnehmen darf, es passiert im ganzen Querschnitt der Gesellschaft von der Eckkneipe bis in Fakultäten der Universitäten.

Vielleicht ist das so ein soziales Ding, dass tief in uns verankert ist, denn genetisch sind wir eben noch in der Steinzeit, wir konnten nur in Verbänden überleben und vielleicht rührt es ja daher, dass wir, um die Gemeinschaft zu stärken sagen: “Wir gegen die!” Uns abgrenzen wollen, ja, das war wahrscheinlich im Überlebenskampf auch überlebenswichtig. Nur heute stören diese Eigenarten. Die Welt verändert sich ganz schnell und wir kommen nicht hinterher. Und wir wollen in alles Muster erkennen und manchmal denken wir dann Gedanken und erlangen Überzeugungen, die wir noch mal überdenken sollten.

Unfassbar, wie geduldig Menschen bei einem Interview sein können. Olli Schulz bei der NDR Talkshow vor einigen Monaten ist da eher so mein Spirit Animal. He showed what I’ve felt. Warum schreibe ich Englisch? Naja, gestern habe mit meiner Familie in UK geschrieben und an sie gedacht.

Und jetzt zur Sache

Meinungskultur, Verantwortung und Vorbildfunktion, ein reflektierter Umgang mit Social Media, dass ist etwas, was mich bereits seit 2009 sehr beschäftigt. Obwohl ich auch meine Twitterzeiten mit emotionalen Diskussionen hatte, auch mal aufrürerischer und unnachgiebiger war. Ich fand mich auch mal teuer und wichtiger, als ich eigentlich war. Nein, ich werde mit diesem Blogpost nicht die Welt verändern, dieser Blogpost verdient auch keinen Grimmepreis. Aber es ist eben eine Momentaufnahme meines Inneren, meiner Gedankenwelt.

Das ist das Problem im Internet: Wir sind in so herrlicher Intimität, ich könnte nackt sein, auf Klo sitzen, während ich diese Zeilen schreibe. Und dennoch wird es weltweit publiziert, ohne jeglichen Korekturleser, Rechtschreibfehler darfst du behalten, ohne jede Kontrollinstanz kann ich das auf die Welt loslassen. Und danach habe ich keine Kontrolle mehr. Auch, wenn ich das selbst lösche nach 5 Minuten, jeder kann es vorher Screenshoten oder ein Bildschirmvideo machen.

Trotzdem fühlt es sich unglaublich sicher an. Du kannst dein Gegenüber nicht sehen, du hast keinerlei Konsequenzen, denn wenn du jemanden anpöbelst, während analog natürlich dicke Luft ist, wenn du dich mit Menschen anlegst, mit den du arbeitest oder im Sportverein bist. Und deswegen ist es – vielleicht für die Allermeisten unterbewusst – ein herrliches Ventil, um den Druck und Frust abzulassen. Schon 2009 begegnete ich in meinem Freundeskreis jemanden, der sogar bewusst sagte: “Wenn ich einen schlechten Tag hatte, geh ich auf Youtube und flame Nazis, weil da kennt mich keiner und ich kann herrlich Frust ablassen.

Das Thema ist schwierig und komplex. Vielschichtig.

Und nein, es gibt keine ultimative Antwort auf dieses Thema.

Aber vielleicht ist es ein Denkanstoß für dich.





Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten