Eine Modedesignerin, ich habe bereits in einem Blogpost darüber berichtet, hat Aussagen innerhalb eines Interviews getätigt, die Menschen als diskriminierend empfunden haben.
Für alle, die sich mein Proseminar-Livestream auf Instagram von 38 Minuten nicht antun wollen, ist hier eine Zusammenfassung:
Meine eigene Erfahrung ist subjektiv
Jeder von uns ist durch sein Umfeld, Medien und Sozialisierung individuell geprägt. Wir sind die Summe unserer Erfahrung, unserer Interaktion mit selbst gewählten und nicht gewählten Kontakten durch Familie, Schule, Hobby, Arbeit. Zum Sommer hin wird das Thema Haut zeigen wieder präsenter wie im Beispiel der Designerin. die Aussagen traf darüber, wer Radlerhosen tragen sollte und wer nicht. Da kann ich sie ein Stück weit verstehen, aufgrund meiner eigenen Vergangenheit als selbst ernannte Modepolizei. Ändert aber nichts daran, dass solche Aussagen übergriffig sind. Natürlich kann ich nicht in den Kopf dieser Modedesignerin reinsehen, aber ich kann euch erzählen, warum ich früher über die Modeentscheidungen anderer Menschen geurteilt und verurteilt habe: Aus eigener Unsicherheit mit mir und meinen Körper, denn egal, wie viel ich hungerte oder Sport machte. Er war nicht schlank genug und mein Körper war mein Feind. Das andere Menschen mit Dingen, die ich damals als Makel sah, glücklich schienen und einfach öffentlich ihre Cellulite zeigten, machte mich mit 16, 20 oder auch noch mit 25 unglaublich fertig.
Selbst im Göttinger Hochsommer bei 25 Grad und mehr habe drei Strumpfhosen übereinander unter dem Kleid getragen und dazu noch zwei bis drei Lagen Shapewear am Bauch, denn ich dachte, das darf bei mir nicht wackeln, das Wackeln böse sein und ich hatte mein großes Erwachen zu diesem Thema ehrlich gesagt auch erst 2018. Damals habe ich auf dem Weg zum Flughafen erste Hilfe geleistet in Berlin, als eine Person an einem sehr heißen Morgen am Südkreuz zusammengebrochen ist und quasi aus einer ähnlichen Masse an Shapewear rausgeschnitten werden musste von Rettungskräften. Als sie sich bei mir später für die erste Hilfe bedankt hat, auch mir bescheid gegeben hat, dass sie sich in Behandlung begeben wird wegen einer Körperwahrnehmungsstörung. Dazu haben ihr die Ärzte geraten. Natürlich darf jeder für sich entscheiden, was er oder sie im Sommer tragen möchte, aber über die Kleidung anderer Leute zu bestimmen ist übergriffig, egal ob Privatperson oder Designerin oder whatever.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich persönlich finde es mega schräg, dass Deutschland eines der größten Einwanderungsländer weltweit ist und wir dennoch nicht unsere Privilegien kennen wie z. B. beim Thema Migrationshintergrund. Meine Großeltern sind zu 3/4 geflohen, mein Vater wurde in den 50er-Jahren in meinem Heimatdorf als “Polakke” beleidigt, aber ich hatte nie Probleme, denn mein Name klingt Deutsch, auch der Mädchenname meiner Mutter ist nicht klar als “Nicht von hier” erkennbar, wenn man nicht Polnisch oder Russisch spricht und ich bin eben weiß und hatte damit ganz andere Voraussetzungen als Valon, Joschkun, Beyhan oder Perihan aus meiner Grundschulklasse.
Und ich kann als Person, die nicht diskriminiert wird nicht bestimmen, was marginalisierte Gruppen, sei es nun durch Herkunft, Religion, chronische Krankheit, Sexualität etc. als verletzend empfinden und was nicht.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Geburtstag einer Person, wo ich zu Besuch war. Die Person ist von Geburt an und bis heute chronisch krank und ein Gast hat auf dem Geburtstag eine Rede gehalten und gesagt:
Ja, das war ein scheiß Jahr für dich, es ist viel Mist passiert (…) Aber Hauptsache, du bist gesund!
Auch, wenn der Gast damit gemeint hatte, dass der Gastgeber die letzten Monate viel krank war und deswegen nicht so viel arbeiten konnte, hatte die Aussage so verletzt, dass die Party sogleich abgebrochen wurde. Auch, wenn der Gast nicht intendiert hat, den Gastgeber zu verletzen, der Gast entscheidet nicht, ob die Aussage verletzend ist oder nicht.
Dieser Punkt gilt übrigens für schriftliche Kommunikation aller Art. Eine sehr witzige Geschichte dazu:
In der letzten Woche wurde ich gefragt, ob jemand aus den Medien Bilder von meinem Mann und mir nutzen kann für eine Geschichte zum Thema mixed weight couple. Weil die Deadline bald war und ich mir nicht sicher war, wie schnell ich Fotografen, mit denen mein Mann und ich gearbeitet haben, erreiche, habe ich gefragt, ob auch “private pictures” gingen. Ja, die Konversation war auf Englisch. Und die Antwort war sehr irritierend, denn während für mich “private Bilder” alles an Bildern ist, die ich nicht auf Instagram veröffentliche, hat mein Gegenüber angenommen, dass damit Bilder aus dem Schlafzimmer gemeint sind …
Solche Bilder existieren btw nicht von uns, aber ich war schon ganz schön baff, dass das in dieses Wort reininterpretiert werden kann. Wenn du also die Wahl hast zwischen schriftlicher und direkter Kommunikation, dann wähle die letztere Variante – denn so hat dein digitales Gegenüber mehr Informationsebenen und kann den ironischen Tonfall oder deine ernste Mimik wahrnehmen.
Hier ein paar Ideen für Formulierungen
-
meiner Meinung nach“…
-
Ich persönlich denke…
-
Das empfinde ich als…
-
Zu diesem Thema habe ich die Meinung, dass …
-
Persönlich ist meine Meinung zu diesem Thema …
-
Aus meiner Sicht …
-
Aus meiner Betrachtungsweise denke ich über dieses Thema Folgendes …
Eine Meinung lässt sich mithilfe weniger Worte auch klar als solche kennzeichnen.
Warum glauben Menschen noch immer, dass Emojis weniger missverständlich sind als schriftliche Kommunikation? Nein, das sind sie nicht, auch diese lassen sich missinterpretieren und wirken zudem meist in einem eher professionellen Kontext unprofessionell. Natürlich kann man auf privater Ebene mit Menschen, mit denen man viel kommuniziert auch so auf unmissverständliche Weise kommunizieren, aber Emojis oder GIFs oder Memes muss man genauso interpretieren als Empfänger wie die schriftliche Kommunikation. Sie ersetzen nicht fehlende Informationskanäle, die so etwas wie Ironie oder Ernstheit des Thema symbolisieren können.
Übergriffigkeit in seinem Sprachgebrauch ist jetzt nichts, was wir noch extra diskutieren müssen, oder? Deswegen gehen wir direkt zu schwammigen Aussagen, die viel Interpretationsspielraum lassen.
“Schwammige Formulierungen sind der Tod jeder Hausarbeit.”, sagte einst ein Dozent zu mir, bei dem ich eine nicht ganz so gute Hausarbeit mit glaub ich 2,7 geschrieben habe über das Thema, dass Werther nicht erst durch Lotte suizidal geworden ist, sondern schon vor der Begegnung mit ihr diese Gedanken ausspricht (der Rest meines Seminars hat fast ausschließlich zum Film “Goethe!” Hausarbeiten geschrieben, das war mir zu doof). Und Recht hatte dieser Dozent, denn was ist eine “knackige” Figur, was ist eine “gesunde” Ernährung, was ist “nachhaltige” Stromproduktion?
Bleiben wir bei dem letzten Beispiel:
Während in Deutschland seit Fukushima selbst die CDU “Atomkraft, nein danke” sagt, ist es für andere Länder wie Frankreich, Schweden oder die USA Teil der nachhaltigen Energieversorgung, Atomkraft als “grüne” Energie ohne CO2+Produktion zu sehen.
Daher ist die beste Methode: Wenn du über deine eigene Meinung hinaus argumentieren willst, mach es wie in der Erörterung in der 8. Klasse:
-
Formuliere deine These
-
Suche Argumente
-
Suche Beispiele für deine Argumente
-
z. B. eigene Erfahrungen
-
wissenschaftliche Quellen
-
Und natürlich ist es auch hier wichtig, nicht gleich den ersten Google-Treffer zu nutzen und mehr als eine Quelle zu nutzen. Ja, das ist zeitaufwendig, aber letztlich solltest du dir bewusst sein: Alles, was im Internet landet, wird nicht vergessen. Selbst, wenn du einen Inhalt schon nach 5 Minuten wieder löschst, kann schon ein Dutzend Menschen die Inhalte per Screenshot oder Bildschirmvideo aufgenommen haben und weiter verteilen. Daher: Erst nachdenken, dann publizieren.
Wenn du ein große Person des öffentlichen Lebens bist, einen Shitstorm an den Hacken hast und ein Statement machen musst, wäre jetzt der späteteste Zeitpunkt, dir eine PR Beratung zur Seite zu holen.
Wenn das Budget oder die Zeit dafür nicht nicht da ist: Mach ein Videostatement! Es gibt viele Möglichkeiten, Vieos zu publizieren. Youtube, auf der Website, IGTV, als Beitrag, in der Insta Story und als Story Highlight speichern …
Durch zusätzliche Informationsebenen wie Gestik, Mimik, Tonfall ist unmissverständlich klarzumachen, dass man wirklich ehrlich zu diesem Fehler steht und die Kritiker ernst nimmt.
Also, wenn der nächste Shitstorm kommt, hier ist eure Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Prävention und zum Statement.
Noch Fragen?
PS: Rechtschreibung und Orthographie bitte prüfen. BITTE!!! Denn meine Augen haben ein bisschen geblutet bei der Orthographie manch eines Statements der letzten Tage.
Was das Statement der Modedesignerin angeht, finde ich es sehr, sehr schwach, warum?
-
1Wenn man schon schriftlich sich missverständlich ausdrückt und die schriftliche Kommunikationsebene immer (!) missverständlich ist, bei der jeder etwas anderes interpretieren kann als der Autor intendiert hat, dann mache ich doch bitte kein schriftliches Statement, dass wieder missverstanden werden kann…
-
und eine Meinung kann man wie oben erwähnt klar kennzeichnen durch Formulierungen wie „ich persönlich mag keine Radlerhosen“ und die eigene Meinung würde ihm auch nicht beinhalten, dass man ein Urteil darüber fällt, was andere Menschen tragen sollten oder nicht.
-
Im Grunde genommen kann man diese ganze Diskussion mit das Statement so eins zu eins in ein Lehrbuch für schlecht durchgeführte PR nehmen, der der grundsätzliche Diskurs geht ja erstmal darum, dass sie etwas als ihre Meinung nennt, was diskriminierend ist und sie entscheidet nicht, was marginalisierte Gruppen als diskriminierend erachten und was nicht und da kann man auch nicht kommen mit solchen Formulierungen wie „nicht so zu Herzen nehmen“. Wenn sich jemand durch eine Aussage verletzt fühlt, dann ist diese Person verletzt und dann kann man dieser Person das nicht absprechen. Selbst, wenn das ganze nicht so intendiert ist, kann man sich dafür entschuldigen und diese Entschuldigung sehe ich nicht.









Hinterlasse einen Kommentar