In der Diskussion von #RespectMySize habe ich auch immer wieder Kommentare oder auch Beiträge von Müttern gefunden, was ja jetzt nicht sehr unwahrscheinlich ist, denn es ist eben auch so, dass ein großer Teil der Community in unserer kleinen Plussize Blase eben aus Müttern besteht oder eben sich auch jene Mütter angesprochen fühlen, die eben nach der Geburt oder in der Jugend mal mehr gewogen haben oder eben seit der Geburt der Kinder ein bisschen kurviger sind.
Und das bringt mich zu einer interessanten Frage. Gestern Abend habe ich das natürlich ein Stück weit offen lassen, denn ich bin noch keine Mutter und ich möchte jetzt auch nicht Parentsplaining betreiben.
Wie kann ich ein Kind so erziehen, dass ich als einer der Faktoren im Leben des Kindes dafür Sorge, dass dieses Kind keine Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes diskriminiert?
Leider habe ich jetzt erstmal ein paar Negativbeispiele, denn ich selbst hatte in meiner Jugend an eine Essstörung und meine Eltern waren vielleicht da gar nicht so ein Problem. Natürlich hat mein Vater den ein oder anderen Kommntar über meine Figur abgegeben, aber ich hatte jetzt keinen Leidensdruck, wie ich ihn bei anderen Menschen im analogen Umfeld mitbekommen habe.
Stellt euch bitte mal eine Mutter vor, die ihrem 16jährigen Kind kein Essen mehr kochen will, weil es zu fett geworden ist nach dem Schüleraustausch. Soll er doch selbst für seine Lebensmittel und seine Schulsachen jobben gehen, da könne es auch gleich etwas abspecken.
Oder eine Mutter, die eure Altkleider durchwühlt und sieht, dass ihr eine Kleidergröße 38 aussortiert hat und dann überall herum erzählt, dass das eigene Kind jetzt schon zwei Kleidergrößen fetter als man selbst sei und dass das Kind halt dringend weniger essen sollte, denn sportlich sei es ja und die Mutter ist am Ende mit ihrem Latein.
Was habe ich natürlich in der Recherche für diesen Blogpost gemacht habe: Ich habe Mütter in meinem Umfeld gefragt und auch Leute gefragt, die eine Mutter haben, die sie in die Essstörung rein getrieben haben und auch Menschen mit Müttern, bei denen das kein Problem war.
Dabei ist auf jeden Fall klar geworden, dass sich die Unsicherheit des Körpers der Mutter auch auf jeden Fall auf den Körper der eigenen Kinder überträgt. Ich weiß, wir leben in Deutschland und in Deutschland guckt man immer auf die Defizite und guckt auf das was kann er noch besser und schöner sein kann. Aber es ist ja ein Unterschied ob ich sage „Ich gehe jetzt zum Sport, weil ich muss ein bisschen Dampf ablassen muss und die Bewegung tut mir gut.“ oder ich sage “ Ich muss jetzt zum Sport, denn ich bin wieder so fett geworden. Ich muss ganz dringend abnehmen und dafür muss ich sehr viele Kalorien verbrennen.” Auch anhand des Beispiels Essen kann man ja auf der einen Seite sagen „Heute kochen wir selber, denn das ist einfach die gesündeste Variante und wir finden auch eine Verbindung zu dem Essen und können alle etwas für uns finden an Rezepten, die uns persönlich schmecken. Wenn wir uns selbst Essen zubereiten und Zeit in unser Essen investieren, dann wissen wir auch dieses Essen viel mehr zu schätzen als irgendein Fertiggericht.“ oder eben “ja, tut mir leid es wird in nächster Zeit in diesem Haus keine Fertiggerichte geben, denn ich bin mal wieder viel zu dick geworden und ich muss dringend abnehmen und deswegen ist momentan alles Süße und alles an Knabberkram Tabu, es wird hier maximal dies oder jenes gegessen. Wenn du was anderes essen willst, dann es bitte irgendwie auswärts oder bei Freunden.“
Worte und der eigene Umgang mit seinem Körper und wie man zu sich selbst steht ist also eine ganz gute Methode, um dahingehend zu erziehen und bilden.
Tatsächlich ist es auch bei einem Freund von mir so gewesen, dass seine Mutter so abschreckend gesund gegessen hat, sodass er aus Trotz gegen seine Mutter ein wirklich interessantes Essverhalten entwickelt hat. Er isst sehr selten, er isst, wenn er Hunger hat und glücklicherweise hat er irgendwann mal angefangen auf dem Wochenmarkt für eine Bäckerei zu arbeiten und sich dann begonnen sich Kohlenhydrat basiert, aber eben auch recht ausgewogen mit Brot und Käse und anderen Dingen zu ernähren. Denn es war damals wirklich in seiner Studienzeit teilweise so, dass er Hunger hatte und dann hat er sich einen großen Sub und zwei Döner und drei Packungen Haribo gekauft und hat das alles innerhalb von einer halben Stunde gegessen. Emotional hatte er einen solchen Groll auf die Mutter und die Erziehung seiner Mutter und das Verhältnis zu seiner Mutter hat er durch Rebellion in Form seines Essverhaltens kompensiert. Da sieht man glaube ich, wie stark und auf der anderen Seite wie unterbewusst und nicht für ihn erkennbar lange Zeit die Relation ist zwischen seiner Erziehung sowie der Beziehung zu seiner Mutter und seinem eigenem Essverhalten war.
Etwas was ich eben auch mitbekomme, besonders in der Plussize Community, aber eben auch genauso im Umgang mit anderen Menschen aus meinem Umfeld, ist, dass die generelle Fähigkeit Vielfalt zu leben größer ist, wenn einfach Diversität schon in der eigenen Familie vorhanden ist. Beispielsweise ein Elternteil, der sehr dünn und groß ist und der/die andere vielleicht ein bisschen kleiner und breiter gebaut. Wenn man dann nicht negativ darüber spricht und nicht da drüber lästert in der Familie, dass diese oder jene Person abnehmen soll, sondern einfach diese Person akzeptiert und annimmt, ist das ein gutes Modell.
Und wenn Onkel Heino mal wieder ablästert beim Familientreffen im Restaurant, dass der Mensch am Nebentisch wahrscheinlich mit seiner Figur das Ganze Buffet leer fressen wird, dann kann man wahrscheinlich am besten auch laut dagegen vorgehen und sagen: „Du, Onkel Heino, sowas sagt man nicht.“
Eltern sind nichtperfekt und jeder hat seine Baustellen und wie man es macht macht man es verkehrt. Ich weiß das und ich habe genug Mütter in meinem Bekanntenkreis und habe ja auch selbst lange Zeit pädagogisch mit Kindern gearbeitet und weiß, dass es eben nicht nur die Eltern als Einfluss gibt. Genauso die Medien, die Lehrer, die Mitschüler, die Freunde und die Hobbys. Kinder holen sich überall ihren Input. Aber mit ziemlicher Sicherheit wird fast alles was aufgenommen wurde auch wieder reproduziert und so dann auch Thema in der Familie.
Aber genauso, wie man eines Tages die Kinder sexuell aufklären muss, ist es vielleicht auch mal ganz gut, egal, ob jetzt als Lehrer oder Elternteil, einmal so ein Gespräch zu dem Thema Diversität und Diskriminierung aufgrund von Äußerlichkeiten zu führen.
Und ein anderer Pfeiler des Ganzen ist meiner Meinung nach auch Mental Health. Ich habe mit meiner Mutter sehr ausführlich darüber gesprochen und sie meinte, dass es natürlich das Wichtigste ist, dass man seine eigene Unsicherheiten nicht auf seine Kinder überträgt. Das hat sie auch sehr gut geschafft bzw. ich bin das jüngste Kind in der Familie, dementsprechend hatte ich das Glück, dass meine Mutter schon einen einigermaßen gefestigten Charakter hatte, als ich groß wurde. Da war dann beispielsweise nicht mehr so viel Unsicherheit wie im Jahrzehnt zuvor be meinen Geschwistern. Aber da gab es ganz viele Faktoren und was es damit auf sich hatte, das ist wiederum eine andere Geschichte. Und wenn man merkt, dass man nicht selbst schafft diese Unsicherheit überwinden, dann ist es nicht versagen und nicht verkehrt, wenn man sich professionelle Hilfe holt und beispielsweise in einer Gesprächstherapie darüber redet, wie man es schaffen kann, diese eigene Unsicherheit nicht auf seine Kinder zu übertragen bzw. zu lernen seine eigene Schwächen zu akzeptieren und mit Ihnen umzugehen. Es gibt viele Anlaufstellen, die einen bei der Kindererziehung beraten kann oder die einen entlasten können, wenn man mal überfordert ist.
Zum Ende erzählt Jona noch ein bisschen was:
Ich möchte auch eine Geschichte von meinem Vater erzählen bzw von mir. Sie ist ein spannendes Alltagsbeispiel wie man als Eltern reagieren kann.
Ich weiß nicht genau wann, aber ich war jugendlich. Gerade total dabei mc mit Atraktivität, Sexualität und romtischer Liebe auseinanderzusetzen.
Ich fragte meinen Vater: Warum findest du meine Mutter attraktiv? Sie ist ja etwas dicker. Ich bin mir unsicher um den genauen Wortlaut.
Rückblickend auch eine ganz schön arschlochmäßige Frage. Oder einfach diskriminierend und menschenfeindlich, aber es war halt etwas das mich beschäftit hat. WEnn ich übe meine heutige Intention nachdenke war ich unsicher und dachte mir nicht viel mehr dabei. Es war nicht so ein ekelhaft wie kannst du nur, sondern ein ich interessiere mich dafür was du denkst. Wenn Kinder auf diese Art und Weise fragen, dann ist es am besten Ihnen ehrlich zu antworten, denn ich glaube eine Belehrung nach dem Motto sowas darf man nicht sagen, tabuisiert und hilft dem Kind nicht sich eine Meinung zu bilden.
So gesehne finde ich die Reaktion meines Vater super und konnte auch schon damals etwas damit anfangen. Er antwortete darauf mit:
“Ich finde eine Frau attraktiv, die weiß wie sie sich gut kleidet, also was ihr steht.”
Nun ist das ja auch recht subjektiv aber letztendlich geht es ja total weg davon dass man das Gewicht in den Vordergrund zu stellen. Denn fast jeder hat die Möglichkeit sich durch die Wahl seiner Kleidung individuell zu zegen. Rein erziehungstechnisch war das eine sehr sehr gute Sache die mein Vater da gesagt hat.
Ich finde diese persönliche Geschichte ist ein schönes Beispiel wo das Thema Gewicht zur Sprache kommt und zeigt wie man damit umgehen kann.


