Vor einigen Wochen habe ich ja schon ein Interview zum Thema stationäre Therapie veröffentlicht. Dabei stand die Patientenperspektive im Mittelpunkt. Hier kommt ihr zu diesem Post.
Ich habe Mara Pairan zum Thema stationäre Therapie interviewt. Sie arbeitet auf einer Station und berichtet auch über ihre Arbeit auf Instagram und ihrer Website. Ich bin froh über dieses spannende Interview und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.
Interview mit Mara Pairan
Mein Vater arbeitet als Pfleger in einer Einrichtung und redet nicht viel. Er hat aber einmal mitgeteilt, dass es in Kliniken keine Spitzen Gegenstände gibt und selbst Kullis weggesperrt werden und die Menschen nur mit Löffel essen dürfen? Ist das wirklich so?
Ich weiß natürlich nicht, in was für einer Einrichtung dein Vater arbeitet und auf welcher Station. Da gibt es große Unterschiede. Das klingt nach dem typischen Stereotyp für die „geschlossene“ Station. Dort sind Patient:innen untergebracht, die sich das Leben nehmen möchten und deshalb vor sich selbst geschützt werden müssen. In der Regel gibt es dort auch sogenannte „Sitzwachen“ bei der sich die Patient:innen unter andauernder Beobachtung befinden, damit ihnen nichts passiert. Das Besteck und andere spitze Gegenstände verwehrt werden kann ich aus meiner persönlichen Arbeitserfahrung nicht bestätigen.
Ist es überhaupt möglich, sich selbst einzuweisen oder muss es einen dafür „schlecht genug“ gehen?
Es ist absolut, sich selbst einzuweisen. Wenn du z.B. daran denkst dir das Leben zu nehmen oder eine andere Krise erlebst, bei der du einfach nicht weiter weißt UND stationär aufgenommen werden möchtest, kannst du dich bei dem Krankenhaus vor Ort vorstellig werden. Ob es dir „schlecht genug“ geht, bestimmt dein persönliches Empfinden. Mediziner und Psychologen vor Ort werden dann schauen, wie dir am besten geholfen werden kann.
Wie kann man am besten seinen Angehörigen mitteilen, dass man jetzt eine Therapie macht, insbesondere, wenn diese Vorurteile gegen das Thema haben?
Überlege dir vorab gut, ob du es ihnen überhaupt mitteilen möchtet. Es ist dein gutes Recht darüber selbst zu entscheiden. Auch deine behandelnden Ärzt:innen dürfen nicht mit deiner Familie sprechen, wenn du es nicht erlaubst. Ansonsten würde ich einen ruhigen Moment abpassen, das Gespräch nach Möglichkeit ankündigen („Ich möchte euch heute Abend etwas wichtiges sagen“) und dann klar und unmissverständlich formulieren, warum du das machst. Das kann z.B. so aussehen: „Ich leide unter …. Und habe mir deshalb Hilfe von Fachleuten gesucht. Diese werden mich ab… behandeln. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung und möchte, dass auch ihr mich unterstützt.“ Wenn du möchtest, kannst du dann auch auf Fragen deiner Angehörigen eingehen.
Wie sieht eine Klinik von innen aus, gibt es da verschiedene Modelle, wie kann man sich das vorstellen?
Eine Klinik sieht ähnlich aus, wie ein „normales“ Krankenhaus auch. Und wie im somatischen Krankenhaus gibt verschiedene Stationen mit unterschiedlichen Behandlungsschwerpunkten, sodass Patient:innen mit ähnlichen Störungsbildern zusammen auf einer Station sind. Wenn du in einer Klinik vollstationär aufgenommen wirst bedeutet das, dass du auch dort übernachtest. Nach einer Eingewöhnungszeit ist es dann auch möglich, an den Wochenenden einzelne Nächte zuhause zu verbringen (sogenannte „Belastungserprobungen“).
Es gibt aber auch das Angebot von Tageskliniken. Dort trifft man sich morgens und verbringt den Tag mit verschiedenen Aktivitäten und Therapieangeboten. Gegen 16 Uhr geht man wieder nach Hause. Das dient vor allem dem Aufbau von Struktur und ist deshalb geeignet für weniger schwere Erkrankungen oder im Anschluss an einen stationären Aufenthalt.
Was macht man die ganze Zeit, wenn man eine stationäre Therapie macht?
Jeder Patient erhält einen (individuellen) Therapieplan. Es gibt gemeinsame Mahlzeiten, Morgenrunden, Oberarzt-Visiten, Ergotherapie, Gruppengespräche, Entspannungstherapien, Kunsttherapie, Bewegungsangebote (Medizinische Trainingstherapie), Gespräche mit Psycholog:innen oder Sozialarbeiter:innen und begleitete Freizeitaktivitäten (z.B. Bowlen). Meist gibt es auch Patienten-Dienste, z.B. Verantwortlich für das Blumengießen und Ähnliches. Das konkrete Angebot variiert natürlich je nach aktuellem Krankenstand des Personals und Klinikkonzept. Am Wochenende und nachmittags/abends gibt es Zeit zur freien Gestaltung.
Wie ist das mit einem Zeitvertreib, wenn man stationär Therapie macht?
Normalerweise ab ca. 16 Uhr unter der Woche und am Wochenende kann die Zeit beliebig verbracht werden. Auf offenen Stationen, also wenn keine akute Suizidalität vorliegt kann das Klinikgelände und auch die Stadt erkundet werden. Man darf Zeit am Handy oder Computer verbringen, Fernsehen, Kontakte mit Mitpatient:innen pflegen, zusammen backen oder auch Besuch empfangen.
Ich habe von einer Freundin gehört, dass das Ganze total chillig ist in stationärer Therapie und sie den ganzen Tag Töpfern durfte. Ist das wirklich so?
Ich glaube „den ganzen Tag“ ist etwas undifferenziert. Das Therapiekonzept ist normalerweise etwas umfassender. Aber es stimmt, dass so viel Rücksicht wie möglich auf die Wünsche der Patient gelegt wird. Und insbesondere die Ergotherapeut:innen gerne auch mehr Teilnahmen ermöglichen.
Gibt es noch so etwas wie Zwangsjacken und Gummizellen? Ein Freund von mir hat FSJ in einer Jugendpsychiatrie gemacht und hat fest behauptet, dass es dort noch Gummizellen gibt, weil ich glaube ihm nicht so ganz…
Zwangsjacken wurden früher tatsächlich mal eingesetzt und sind durch die Darstellung in Filmen noch recht präsent in den Köpfen. Bei sehr aggressiven Personen, die auch eine Gefahr für das Pflegepersonal darstellen, kann heute zu einer Fünf-Punkte-Fixierung gegriffen werden. Bei dieser wird die betroffene Person an Armen, Beinen und Bauch am Bett festgebunden. Das geschieht vor allem bei Patient:innen mit Schizophrenie, also Realitätsverlust, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.
In Jugendeinrichtungen und auch psychosomatischen Kliniken gibt es manchmal „Time Out Räume“ oder „Kriseninterventionsräume“, die besonders gepolstert sind. Die sind dann auch hervorragend geeignet um in einer sicheren Umgebung seine Aggressionen rauszulassen. Aber dort wird auch niemand „weggesperrt“ oder allein gelassen!
Eine Freundin, die in stationärer Therapie hat erzählt, dass sie voll die krassen Ruhigsteller Medikamente in Therapie bekommen hat. Was sind das für Medikamente und stimmt es, dass man solche Mittel dort oft verabreicht bekommt, um runterzukommen?
Jede als notwendig erachtete Medikation wird immer mit den Betroffenen abgesprochen. Wenn du diese Medikamente nicht nehmen möchtest, kannst du das deinem Behandlungsteam sagen und es wird berücksichtigt. Du musst keine Medikamente nehmen, die du nicht nehmen möchtest.
Es gibt viele Medikamente, die einem helfen können, sich zu beruhigen, besser zu schlafen oder Ängste zu mildern. „Beliebt“ zum Runterkommen ist eine Medikamentengruppe namens Benzodiazepinen (umgangssprachlich meist „Benzos“ genannt, Tavor® bzw. Lorazepam gehört hier dazu.). Diese wirken angstlindernd, schlaffördernd und beruhigend, dämpfend. Da diese jedoch ein hohes Abhängigkeitspotential besitzen, sollten sie nicht langfristig genommen werden und werden vor Entlassung auch wieder ausgeschlichen/ abgesetzt.
Hat man auch die Möglichkeit, stationäre Therapie zu machen ohne dort in der Klinik zu bleiben?
Ich habe aufgrund von traumatischen Erlebnissen wirklich sehr krasse Angst davor, mit anderen Menschen zusammen in einem Raum zu schlafen und in einem Raum zu schlafen, den ich nicht abschließen kann, deswegen würde ich es bevorzugen, wenn ich eine Therapie machen kann ohne solche Dinge wie Schlafsaal mit 2 oder 5 anderen…
Stationäre Therapie ist per Definition mit Übernachtung. In der Regel teilen sich 2 bis 4 Menschen ein Zimmer. Möglicherweise ist dann erst mal eine ambulante Behandlung oder eine Tagesklinik die passendere Option für dich.
Kann man einfach eine Therapie machen oder muss man vorher zum Hausarzt gehen und sich einen Schein holen? Wie geht das mit der stationäre Therapie?
Ambulante Therapie kannst du grundsätzlich „einfach so“ beginnen. Damit dein*e Therapeut*in die Therapie bei der Krankenkasse beantragen kann wird jedoch ein Konsil deines Hausarztes benötigt. Darin wird bestätigt, dass die zu behandelnden Symptome keine körperliche Ursache haben (z.B. Schilddrüsen-Unterfunktion) und deshalb eine Psychotherapie indiziert ist. Auch für die Aufnahme einer ambulante Therapie ist z. B. bei akuten Fällen auch kein vorheriger Besuch beim Hausarzt notwendig. Wenn ein stationärer Aufenthalt langfristig geplant wird, ist eine Abstimmung und ein Einweisungsschein sinnvoll.
Stimmt es wirklich, dass Sport genauso gut ist wie Antidepressiva nehmen?
Jein. Es gibt Studien, die zeigen, dass bei leichter und mittelschwerer Depression regelmäßige Bewegung genauso gut wirken kann wie ein Antidepressivum. Dabei kommt es aber auf die Art der Bewegung und die Häufigkeit an. Sport kann aber keine Psychotherapie ersetzen, aber sie sehr gut ergänzen – oder während die Wartezeit auf einen Therapieplatz zur Stimmungsaufhellung & Strukturgebung beitragen. (Ich persönlich bin ja eh kein so großer Fan von Antidepressiva, da sie auch sehr viele Nebenwirkungen haben.)
Ich war schon mal in stationäre Therapie und ich habe nur einmal die Woche die Psychologen gesehen, was macht die eigentlich die ganze Zeit, wenn sie nicht die Patienten auf Station trifft? ist man dann auch mehreren Stationen tätig?
Psychologische Einzelgespräche sind nur eine Ergänzung zum gesamten Therapieprogramm. Wenn Psycholog:innen also nicht grade im Gespräch sind, machen sie vielleicht Gruppentherapie, bereiten diese vor oder nach, dokumentieren die Gespräche, schreiben Entlassberichte, tauschen sich mit dem Team aus, erhalten Fortbildungen oder Supervision, sitzen in Arztvisiten, telefonieren mit Stellen außerhalb, koordinieren Anschlussbehandlungen, werten diagnostische Tests aus, …
Es kommt aber auch vor, dass Psycholog:innen auf mehreren Stationen arbeiten und oben einzelne oben benannte Aufgaben dort ebenfalls ausführen.
Dürfen einen Freunde und Familie besuchen?
Während Corona wurde das deutlich eingeschränkt. Grundsätzlich ist dies jedoch zu Besuchszeiten (d.h. nicht während der Therapien, sondern am Wochenende oder Nachmittags) möglich gewesen.
Gibt es sowas wie Freizeitaktivitäten, Brettspiele oder so in solchen Einrichtungen?
Ja. Es gibt Spiele, Puzzle, Tischtenniskellen und Ähnliches. Die Verantwortung für die Freizeitgestaltung liegt aber auf Seite der Patient:innen. Es wird kein Freizeitprogramm organisiert.
Darf man Handy oder Laptop nutzen, wenn man Therapie dort macht?
Ja, allerdings nicht während der Therapiezeiten, sondern nur während der Freizeit. Es sei denn natürlich die exzessive Nutzung des Laptops oder Handys ist ein Teil der Problematik, aufgrund er man sich in Behandlung gibt. Dann sieht es etwas anders aus. Es gibt auch die Möglichkeit technische Geräte beim Pflegepersonal abzugeben.
Gibt es so strenge Schlafenszeiten wie im Krankenhaus?
Ja, eine Psychiatrie ist ein Krankenhaus. Es gibt Nachtruhe, die auch eingehalten werden sollte. Schlaf und Schlafhygiene ist ein wichtiger Behandlungsbestandteil.
Darf man sich auch weigern, Psychopharmaka zu nehmen, wenn man das nicht will?
Ja. Du musst keine Medikamente nehmen, wenn du das nicht möchtest. Von ärztlicher Seite gibt es dafür leider oft nicht so viel Verständnis (die sind ja von ihren Präparaten überzeugt und wollen auch nur helfen). Aber deine Entscheidung muss respektiert werden.
Darf man sich auch Essen von außerhalb mitbringen, gibt es da Küchen oder so? Ich lebe vegan und gehe super ungern ins Krankenhaus, weil ich das Gefühl habe, die geben einen Sch… Auf vegan.
Das Gefühl habe ich leider auch. Ich kenne es so, dass es meist verschiedene Menüs zur Auswahl gibt, mindestens ein vegetarisches ist auf jeden Fall dabei. Vegan ist tatsächlich oft etwas schwierig. Wenn du auf einer offenen Station bist, kannst du selbstverständlich auch selbst Nahrungsmittel mitbringen/kaufen. In der Regel gibt es auch einen Kühlschrank, aber meist keine Möglichkeit selbst zu kochen.
Ist es nicht total belastend, wenn man in so einem Beruf arbeitet?
Es gibt viele Aspekte die an der Arbeit als Psychotherapeutin in Ausbildung belastend sind. Aber vorrangig sind dies nicht die Gespräche mit Patient*innen. Selbstverständlich lassen die einen nicht kalt, sonst würden wir unseren Job auch nicht gut machen, aber die Rahmenbedingungen in denen sich viele Kolleg:innen bewegen, sind stressend. Die Ausbildung kostet so viel Geld, dass viele einen Kredit aufnehmen müssen oder auf Geld der Eltern angewiesen sind. In den Kliniken gibt es häufig wenig Wertschätzung und wenig bis keine Supervision. Viele werden als Vollzeitkräfte eingesetzt, erhalten aber nur ein Praktikanten-Gehalt, haben wenig Freizeit, weil an den Wochenenden noch Therapieausbildung wahrgenommen wird. Das sind Faktoren die das Wohlbefinden weit mehr beeinflussen, als die „schlimmen“ Geschichten, die unsere Patient:innen uns anvertrauen.

Hinterlasse einen Kommentar